• Skip to main content
  • Skip to secondary menu
  • Skip to footer
OPUS Kulturmagazin

OPUS Kulturmagazin

Das Kulturmagazin der Großregion

  • News
  • Kulturleben
  • Kritiken
  • Veranstaltungskalender
  • Shop
  • abo
  • OPUS-Card

Zur Ambivalenz des Reisens – Tourismuskritik als Gesellschaftskritik

Jetzt teilen

Von Klaus Ludwig Helf

Tourismus erscheint auf den ersten Blick wie der Inbegriff von Freiheit: die Möglichkeit, den Alltag hinter sich zu lassen, neue Orte zu entdecken und sich selbst in der Bewegung neu zu erfahren. Doch gerade diese vermeintliche Unmittelbarkeit ist gesellschaftlich vermittelt. Tourismuskritik ist auch eine Form von Gesellschaftskritik, weil sie zentrale Dynamiken moderner Gesellschaften sichtbar macht: Konsumorientierung, globale Ungleichheiten, Umweltbelastung und kulturelle Transformation. Tourismus ist dabei nicht nur ein Freizeitphänomen, sondern Ausdruck wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Strukturen. 

„Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“

Kritische Perspektiven sehen im Tourismus eine Verlängerung kapitalistischer Logiken: Orte, Kulturen und sogar Menschen werden zu „Erlebnissen“ und damit zu Waren. Reisen dient häufig der Selbstverwirklichung, ist aber zugleich in globale Machtverhältnisse eingebettet. Besonders problematisch ist, dass wohlhabende Gesellschaften die Ressourcen ärmerer Regionen nutzen, ohne die sozialen und ökologischen Kosten vollständig zu tragen. Gleichzeitig zeigt Tourismus aber auch Bedürfnisse nach Erholung, Bildung und interkulturellem Austausch – also genuin menschliche und gesellschaftlich wertvolle Aspekte. „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, schrieb der Schriftsteller und bedeutende Intellektuelle Hans Magnus Enzensberger bereits 1958 in seiner „Theorie des Tourismus“. Er skizziert darin eine Dialektik, die heute aktueller ist als je zuvor und bringt mit diesem Satz das „Tourismus-Paradox“ auf den Punkt: Sobald ein unberührter, authentischer Ort entdeckt wird, lockt er Massen an. Um diese zu bewältigen, wird die Infrastruktur angepasst (Unterkünfte und Gastronomie, Transport und Verkehr, Versorgung und Entsorgung, Konsum und Entertainment, Sport und Wellness). Gerade dadurch verschwindet die Ursprünglichkeit und Abgeschiedenheit, die der Tourist ursprünglich gesucht hat. Der Ort verwandelt sich von einem individuellen Sehnsuchtsziel in ein standardisiertes Konsumprodukt. 

Zwischen Authentizitätssuche und Reproduzierbarkeit

In seiner „Theorie des Tourismus“ analysiert Enzensberger den aufkommenden Massentourismus und seine Extremform, den Übertourismus, nicht als bloße Freizeitgestaltung, sondern auch als gesellschaftliches Symptom von Flucht und Entfremdung im Spannungsverhältnis zwischen Authentizitätssuche und Reproduzierbarkeit. Der Tourist strebt das Andere an, findet aber nur dessen kalkulierte Version. Die Ferne, die er sucht, ist bereits touristisch eingerichtet – verfügbar, sicher, verdaulich. Mit Walter Benjamin und seinem Begriff der „Aura“ lässt sich argumentieren, dass Orte ihre Einzigartigkeit verlieren, sobald sie massenhaft reproduziert und konsumiert werden. Der touristische Blick macht das Besondere verfügbar – und gerade dadurch banal. Ein abgelegener Strand, ein ursprüngliches Dorf, der Blick auf das Gemälde „Mona Lisa“, das Biken auf Mallorca oder „unentdeckte“ Kultur existieren als solche nur so lange, wie sie nicht Teil touristischer Zirkulation sind. Sobald sie gefunden werden, werden sie infrastrukturell erschlossen, ökonomisch verwertet und symbolisch standardisiert. Das „Gefundene“ ist dann nicht mehr das ursprünglich Gesuchte. Hier zeigt sich eine klassische dialektische Struktur: Die Suche nach dem Anderen (Fremdheit, Ursprünglichkeit, Ruhe) produziert genau die Bedingungen, die dieses Andere aufheben. In modernen Konsumgesellschaften lässt sich Tourismus als Fortsetzung kapitalistischer Logiken begreifen. Orte, Landschaften und Kulturen werden zu Waren, die im globalen Wettbewerb stehen. 

John Urry beschreibt dies mit dem Konzept des „tourist gaze“: Der Blick der Reisenden ist sozial geprägt und richtet sich auf bereits medial vorstrukturierte Bilder. Touristische Erfahrung wird damit weniger zur offenen Begegnung als zur Reproduktion gesellschaftlich erzeugter Erwartungen. Zugleich verweist Tourismus auf globale Ungleichheiten. Die Möglichkeit zu reisen ist ungleich verteilt und an ökonomisches Kapital gebunden. Pierre Bourdieu ergänzt diese Sicht mit der Soziologie des Habitus. Reisen ist Distinktion pur. Nicht jede Destination, nicht jede Art des Reisens ist gleichwertig. Der Massentourismus — Pauschalreisen, überfüllte Strände, standardisierte Hotels — wird von der gehobenen Mittelschicht mit jenem leisen Verachtungsblick bedacht, der soziale Abgrenzung signalisiert. Doch dieser Blick verrät mehr über den Beobachter als über das Beobachtete. Er markiert nicht nur ästhetische Vorlieben, sondern kulturelles Kapital, Milieuzugehörigkeit, einen impliziten Anspruch auf das „Bessere“. 

Tourismus ist eng mit ökologischen Krisen verknüpft

Erik Cohen und andere zeigen, dass die ökonomischen Effekte des Tourismus häufig ambivalent bleiben: Zwar entstehen Einnahmen und Arbeitsplätze, doch fließen Gewinne oft an transnationale Unternehmen, während lokale Beschäftigte unter prekären Bedingungen arbeiten. Auch die ökologische Dimension ist zentral für eine tourismuskritische Perspektive. Der globale Massentourismus belastet die Umwelt erheblich – von CO2-Emissionen bis zur Übernutzung lokaler Ressourcen. Kritische Ansätze, wie sie etwa Stefan Gössling formuliert, machen deutlich, dass Tourismus eng mit den ökologischen Krisen der Gegenwart verknüpft ist. In diesem Zusammenhang wird Reisen zu einer Praxis, die individuelle Freiheit mit kollektiven Kosten verbindet. 

Im Gegensatz zum industrialisierten Tourismus (Ferienaufenthalt mit standardisiertem Paket zur Erholung) ist das spätmoderne, kuratierte Reisen der „neuen Mittelklasse“ vor allem von ausgesprochen singulären, einzigartigen und selbstgestalteten Bildungs-, Gesundheits- und Entspannungsinteressen geleitet – wie der Soziologe Andreas Reckwitz feststellt. Authentische Erfahrungen werden zwar gesucht, aber man kann in einer „extrem touristifizierten Weltgesellschaft“ den standardisierten touristischen Angeboten nicht ganz entkommen und ist ständig in ein „Touristenkollektiv“ gezwungen. Die Suche nach dem Authentischen sei deshalb beim spätmodernen Reisen „äußerst enttäuschungsanfällig“. 

Tourismus als verdichteter Ausdruck gesellschaftlicher Widersprüche

Der aktuelle Übertourismus verstärkt diesen Konflikt. In München, Berlin oder Hamburg werden Ferienwohnungen zum Wohnraub, Altstädte wie in Dubrovnik oder Venedig zu Bühnen für Massengruppen, Infrastrukturen zum Kollaps-Risiko. Die „gehobenen“ Reisenden beklagen die Menge, während sie selbst Teil des Systems sind, das diese Dynamik antreibt. Gegenkulturen wie „Traveller“ und „Globetrotter“ wollen diesem System entkommen. Sie propagieren das Langsame, Ungeplante. Doch auch sie sind inzwischen in globale Märkte integriert: Apps, Routen, Selbstinszenierung. Der Unterschied zum Mainstream-Tourismus schrumpft zur stilistischen Nuance. 

Dennoch wäre es verkürzt, Tourismus ausschließlich als Problem zu begreifen. Reisen eröffnet auch Möglichkeiten der Horizonterweiterung und interkulturellen Verständigung. Begegnungen können Empathie fördern und zur Reflexion eigener Selbstverständlichkeiten beitragen. In dieser Ambivalenz liegt der eigentliche Erkenntniswert der Tourismuskritik: Sie macht sichtbar, dass Tourismus weder per se emanzipatorisch noch grundsätzlich problematisch ist, sondern ein verdichteter Ausdruck gesellschaftlicher Widersprüche. Was tun? Der Einzelne beginnt damit, seine eigene Rolle als Reisender kritisch zu reflektieren. Gesellschaftlich braucht es politische Eingriffe wie weniger Billigflieger, mehr Bahn, Regulierungen gegen Wohnraub, Schutz lokaler Räume. Der Tourismus bleibt ein kritisches Labor.

Bild © Pedemann, Wikimedia Commons

Filed Under: Allgemein, Kulturleben

Reader Interactions

Schreibe einen Kommentar Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Footer

Was ist OPUS?

OPUS ist das spartenübergreifende Kulturmagazin für die Großregion Saar-Lor-Lux, Rheinland-Pfalz, Rhein-Main und Rhein-Neckar.
Sie möchten vor Abschluss Ihres Abonnements einen Blick in das OPUS Kulturmagazin werfen? Hier finden Sie wechselnde Beiträge als kostenfreie Leseprobe.

Leseprobe #1

Leseprobe #2

OPUS abonnieren

Jede Ausgabe „druckfrisch“ in Ihrem Briefkasten.
6 Ausgaben für 45 € im Jahr.
Studenten-Abo nur 25 € im Jahr.
Jetzt mehr erfahren

 

Leserbriefe

Leserbriefe zum OPUS Kulturmagazin
können Sie direkt auf unserer Leserbrief-Seite einsenden.

Gerne auch per E-Mail an
info@opus-kulturmagazin.de

oder postalisch an

Verlag Saarkultur GmbH
Stengelstr. 8
66117 Saarbrücken

Bitte beachten Sie unsere Richtlinie für Leserbriefe!

 

  • News selbst einstellen
  • Neu: Veranstaltungskalender – Userregistrierung
  • Leserbriefe
  • Impressum
  • Datenschutz
  • AGB
  • Kontakt
  • Mediadaten – Werben im OPUS Kulturmagazin
  • Zugang

Suche

  • E-Mail
  • Facebook
  • Instagram
  • LinkedIn

Copyright © 2026

Cookies
Damit dieses Internetportal ordnungsgemäß funktioniert, legen wir manchmal kleine Dateien – sogenannte Cookies – auf Ihrem Gerät ab. Das ist bei den meisten großen Websites üblich.
Akzeptieren