
Das Interview führte Eva-Maria Reuther für das OPUS Kulturmagazin

OPUS: Frau Brugnoni, Sie sind jetzt ein Jahr im Amt. Wie haben Sie dieses erste Jahr erlebt? Welches waren Ihre Herausforderungen? Gab es auch Glücksmomente?
Tania Brugnoni: Auf jeden Fall. Das Erste, was man machen soll, ist sich Zeit zu lassen und sich umzusehen, um das Haus und sein Team kennenzulernen. Das habe ich konsequent durchgeführt. Des Weiteren haben wir das Ausstellungprogramm und ein Arbeitsprogramm bis 2030 erarbeitet. Parallel dazu habe ich eine externe Analyse der Zielgruppen, zur Publikumsakzeptanz unserer Kulturvermittlung und zu möglichen Verbesserungsinitiativen in Auftrag gegeben. Jetzt, ein Jahr später, haben wir ein Mehrjahresprogramm und eine digitale Strategie, die definiert, wie wir unter anderem in den nächsten Jahren verstärkt das Publikum erreichen und kommunizieren, wie wir die Leute über verschiedene Kanäle erreichen können und wie wir Kultur- und Kunstvermittlung gestalten wollen.
Wie zum Beispiel?
Wir müssen vor allem darauf achten, dass wir relevant bleiben. Wir sind noch immer relevant, aber das Publikum hat sich verändert. Darauf müssen wir reagieren. In der Kulturvermittlung müssen wir zum Beispiel unsere Sprache stärker an das Publikum anpassen. Zudem zeigt die Erfahrung, dass sich das Publikum schon im Vorfeld informieren und seinen Besuch planen möchte. Anschließend möchte es nochmal nachlesen oder nachhören, was es während des Besuchs gesehen hat.
Es geht also um mehr Publikumsnähe und verbesserte, aktualisierte Vermittlung.
Genau. Bei „Vu Lilien und a Linnen“, unserer derzeitigen Jugendstil- Ausstellung, können Sie schon sehen, dass die Möglichkeit besteht. Es gibt natürlich weiterhin das Booklet, aber zusätzlich auch ein digitales Angebot, sodass man alles auch von zu Hause nachhören oder nachlesen kann.
Werden Sie dabei auch „Künstliche Intelligenz“ (KI) einsetzen?
Ja, aber ich bin überzeugt, dass das Reale nie obsolet sein wird. KI ermöglicht uns vielleicht, schneller zu sein, aber nicht unbedingt besser. Man kann verschiedene Arbeitsprozesse beschleunigen. Zum Beispiel kann man mit relativ wenig Aufwand viele Ausstellungstexte in verschiedensten Sprachen generieren und erreicht dadurch das Publikum viel schneller und kostengünstiger. Ich überlege derzeit auch, Audioguides mit Hilfe von KI zu generieren. KI ist ein Bestandteil meiner Überlegungen, aber vor allem denke ich, dass heute Kulturvermittlung auch anders funktioniert.
Womit haben Sie sich sonst noch auseinandergesetzt?
Ich habe im ersten Jahr eine Studie über die Museografie der zwei Haupthäuser, das Nationalmusée um Fëschmaart und das Musée Dräi Eechelen, durchführen lassen. Das Nationalmuseum wurde 2002 neu eröffnet und seitdem ist vieles geschehen. Auf verschiedenen Ebenen wurde umfassend überarbeitet, etwa bei der Wegführung und Beschilderung. Dadurch fehlt mitunter ein klarer roter Faden. In 20 Jahren gibt es eben auch museologische Veränderungen, Moden und Tendenzen. Das Ganze ist nicht mehr aus einem Guss. Damit wir in den kommenden Jahren all unsere Ausstellungen in dieselbe Richtung entwickeln, war mir in meinem ersten Jahr eine grundlegende Analyse besonders wichtig.
Nach einem Jahr: Was bedeutet dieser Arbeitsplatz für Sie?
Das ist eine sehr gute Frage. Dieser Arbeitsplatz bedeutet für mich etwas, das ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte erträumen können. Mein beruflicher Werdegang – auch als Frau – ist schon etwas außergewöhnlich und ging bis vor kurzem weit über meine Vorstellung hinaus. Mit 50 Jahren das größte Luxemburger Kulturinstitut mit mehr als 120 Mitarbeitern zu leiten, ist ein großes Privileg, dessen Verantwortung ich mir bei aller Freude bewusst bin.
Sie haben nicht die typische Laufbahn, die man von Direktoren oder Direktorinnen eines Nationalmuseums kennt. Sie waren Leiterin eines Kreativ- und Innovationszentrums und überdies selbst erfolgreiche Unternehmerin. Ist das für ein Haus erfrischend?
Ich glaube, dass meine Einstellung aufgrund meiner fachlichen Kompetenzen und meiner beruflichen Erfahrung erfolgt ist. Vielleicht hat auch der menschlich-empathische Aspekt eine Rolle gespielt. Ich denke, ich konnte die Perspektive einer offenen Institution vermitteln, die sich teils sehr nahe an der Gesellschaft evolviert.
Ihr Vorgänger war Archäologe, Sie sind Spezialistin für angewandte Kunst, Konservierung sowie Marketing. Wo werden Sie künftig Ihre Schwerpunkte setzen?
Es gibt eine Reihe von Schwerpunkten für mich. Wie bereits erwähnt, ist die Auseinandersetzung mit dem Publikum heute von grundlegender Bedeutung, um als Institution relevant zu bleiben. Die Konservierung zählt weiterhin zu meinen zentralen Aufgabenbereichen. In diesem Bereich verfügen wir jedoch bereits über eine sehr solide Basis und Struktur – ebenso wie in der wissenschaftlichen Arbeit, die seit Jahrzehnten besteht. Diese Bereiche bilden die Fundamente des Hauses. Was sich jedoch deutlich verändert hat, ist das Publikum und seine Bedürfnisse. Hier gilt es anzusetzen und sich zu fragen, wer unser Publikum ist und wie wir es bestmöglich erreichen können. Die kulturelle Vermittlung ist mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig. Sie ist Teil unseres Bildungsauftrags, der sich sowohl an Jugendliche als auch Erwachsene richtet.
Auch an die Spätberufenen?
Ja, heutzutage spricht man von „Lifelong Learning“. Insofern kann es gut sein, dass jemand, der sich mit 20 Jahren nicht für Museen interessiert hat, mit 40 Jahren eine Sensibilität dafür entwickelt. Wir leben alle länger und sind heute deutlich offener als früher. Mir ist zudem wichtig, Kultur mit einer gewissen Leichtigkeit zu präsentieren. Kultur ist nichts Schweres oder Erdrückendes, sondern etwas, das Menschen erhebt, befreit und Offenheit fördert. Der Name unserer Institution mag vielleicht etwas schwer anmuten, doch wir verstehen uns als ein offenes, interaktives Museum.
In den letzten Jahren war die Gestaltung der Dauerausstellung ein Dauerbrenner. Zuletzt ging es um das Projekt der Neugestaltung der Abteilung Archäologie. Wie weit sind Sie da?
Für mich stand zunächst eine Analyse durch international anerkannte Museografen im Vordergrund, welche bereits sehr große Projekte weltweit realisiert haben, um eine professionelle Einschätzung zu erhalten und zu erkennen, welche aktuelle Tendenzen es in der Museografie, Szenografie etc. gibt. Ja, die Dauerausstellung ist ein Dauerbrenner, vor allem in der Archäologie, da dort seit über 20 Jahren keine Aktualisierung erfolgt ist.
Deren Neugestaltung ist doch schon länger geplant.
Ja, aber dem geht auch noch eine Renovierung voraus, und deren Realisierung hängt nicht nur von uns ab, sondern auch von der Verwaltung, den Architekten und weiteren Beteiligten. Ich sehe es so: Das eine ist die Archäologie. Aber es gibt noch andere Sektionen, die eine Auffrischung brauchen. Andere sind sehr schön, so wie sie sind, bräuchten jedoch etwas mehr Publikumsvermittlung oder zum Beispiel eine neue Linearität, man verliert sich ja hier im Haus. Für mich war es in diesem Jahr deshalb zunächst wichtig, einen klaren Plan zu haben: Wo beginnen wir? Eines meiner Anliegen ist zudem die stärkere Verbindung der Abteilungen Beaux-Arts und Arts Décoratifs.
Also „Schöne Künste“ treffen angewandte Kunst?
Ja. Entsprechend modernen museografischen Ansätzen werden wir Beaux-Arts und Arts Décoratifs etwas mehr zusammenführen. Das ergibt Sinn und entspricht zeitgenössischen Entwicklungen.
Werden Sie die Sammlung zeitgenössischer Kunst weiterführen?
Ja, aber in Maßen. Ein neuer Sammlungsschwerpunkt wird Design sein. Das ist hier in Luxemburg noch relativ wenig vertreten.
Wird es auch Veränderungen im Musée Dräi Eechelen geben?
Ja, zum Beispiel sollen dort künftig auch Fotoausstellungen präsentiert werden.
Alles in allem also eine Mischung aus Innovation und Tradition?
Genau! Aber man muss nicht alles neu machen, um relevant zu sein. Wir sind ein traditionelles Haus, das historisch gewachsen ist. Mir geht es darum, durch modernes Management ein Traditionshaus zeitgerecht in die Zukunft zu führen.
Titelbild: Das Musée national d’archéologie, d’histoire et d’art (MNAHA) im Herzen Luxemburgs © MNAHA



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