
Das in Berlin beheimatete Duo Elmgreen & Dragset ist international bekannt für seine hintersinnig ironischen Kommentare auf den zeitgenössischen Kunstbetrieb. Hinter dem Namen verbergen sich der 1961 geborene Däne Michael Elmgreen, der ursprünglich Theaterwissenschaft studiert hat, und der acht Jahre jüngere Lyriker Ingar Dragset aus Norwegen. Beide arbeiten seit Mitte der 90er Jahre zusammen und haben sich in dieser Zeit zu einflussreichen Gegenwartskünstlern entwickelt. Unter dem Titel „Stillleben mit Gemüse“ schicken sie die Besucher des Frankfurter Städel Museums derzeit auf eine Art Schnitzeljagd durch das ganze Haus, wo insgesamt 14 Interventionen auf unterschiedlichste Objekte der Schausammlung reagieren.
Das Zentrum der Schau befindet sich freilich im Untergeschoss: Auf dem Weg in die Gartenhallen und die Dauerausstellung der Sammlung Gegenwartskunst durchqueren Besucher ein minimalistisch eingerichtetes Restaurant, dessen einziger Gast eine auf ihr Handy starrende Frau ist. Offenbar hat sie einen Video-Anruf erhalten, ohne dass allerdings eine Konversation stattfinden würde. Am anderen Ende monologisiert stattdessen ein Künstler über das Scheitern seiner Karriere und seiner Liebe. An den Restaurantwänden hängen Bilder, die auf hochglanzpolierte Edelstahlplatten gemalt wurden – ein Kommentar auf das „Mosaic Mirror Wall Piece“ des Schweizer Künstlers John M. Armleder, das in direkter Nähe dauerhaft installiert ist.
Gänzlich menschenleer ist dagegen die Bürolandschaft, die Elmgreen & Dragset im eine Etage tiefer gelegenen Eingangsbereich der Gartenhallen präsentieren und damit die Anstrengungen heutiger Lohnarbeit versinnbildlichen. Ein Foto, ein paar vertrocknete Blumen, ein Aschenbecher und ähnliche persönliche Hinterlassenschaften sind das Einzige, das die Anonymität der einzelnen Zellen durchbricht.
Der Ausstellungstitel spielt an auf das Gemälde „Stillleben mit Gemüse und Früchten vor einer Gartenbalustrade“, das der Flame Cornelis de Heems 1658 gemalt hat und das heute in der Sammlung Alter Meister hängt. Davor steht jetzt eine lebensgroße, weiß lackierte Bronze eines jungen Mannes und fordert die Museumsbesucher dazu heraus, über ihr eigenes Verhalten bei der Kunstbetrachtung nachzudenken. Denn „The Visitor“, wie die im vergangenen Jahr entstandene Skulptur betitelt ist, versperrt zunächst einmal die Sicht auf das altmeisterliche Gemälde. So ist man gezwungen, um die Figur herumzugehen und merkt dabei, dass man aus einer anderen Perspektive eine mindestens ebenso gute Sicht auf das Bild hat.
Schockierend echt wirkt auch das Wachs-Baby, das die beiden Künstler in einer Tragetasche vor Franz von Stucks 1891 entstandener „Pietà“ abgestellt haben. Während die verzweifelte Maria das Gesicht in ihren Händen vergräbt und den lang und erstarrt auf dem Rücken liegenden Christus beweint, fragt man sich, ob denn niemand das „Forgotten Baby“ der Neuzeit vermisst. Gleichzeitig erinnert das Motiv des alleingelassenen Säuglings an die Geschichte von Moses, der als Findelkind aus dem Nil gerettet wurde.
Konsequenterweise haben sich Elmgreen & Dragset nicht zuletzt Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins Gemälde „Goethe in der römischen Campagna“ aus dem Jahr 1787 und damit das ‚Signature-Werk‘ des Museums vorgenommen. Wie es auch in Natura passieren könnte, liegt nun ein kleiner Junge auf dem Boden vor dem Bild und hebt, während er es abzeichnet, die Grenzen zwischen Betrachter und Exponat auf. Elmgreen & Dragset indes beleuchten mit dieser und allen anderen, teilweise eigens für die aktuelle Ausstellung geschaffenen Interventionen, wie Museen den kollektiven Blick auf die Kunstgeschichte prägen und hinterfragen zugleich die traditionellen Regeln der Ausstellungsgestaltung.
Weitere Informationen unter wwww.staedelmuseum.de
Bild © Norbert Miguletz / Städel Museum



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