
Von Christiane Magin
Am 22.07. feierte Giuseppe Verdis Klassiker La Traviata bei den Bregenzer Festspielen Premiere. Regie führt Damiano Michieletto, der die Handlung vor überdimensionalen zerbrochenen Spiegel inszeniert. Es ist das erste Mal, dass Verdis Oper im Rahmen der Bregenzer Festspiele im Spielplan ist – und dass, obwohl es sie schon seit 80 Jahren gibt. Auch dieses Jubiläum wird aktuell gebührend gefeiert.
Das Geschehen spielt sich auf einer 700 Quadratmeter großen Scherbe ab, mit der Bühnenbildner Paolo Fantin den seelischen Zustand der Protagonistin widerspiegeln will. Violetta Valéry (Marjukka Tepponen) ist allein in einer oberflächlichen Welt, die glitzert und funkelt und permanent in Feierlaune ist. Schöner kann die Eingangsszene gar nicht sein. Da erstürmt eine Horde den zerbrochenen Spiegel, tanzt, trinkt und feiert bis zum Exzess – ein wahres Wimmelbild mit fantasievollen Kostümen, die Carla Teti entworfen hat. Die vielen Tänzer machen auch vor dem Bodensee nicht halt, wo sie ein spritziges Wasserballett im riesigen Infinity-Becken liefern. Das wurde von der vorangegangenen Inszenierung „Der Freischütz“ übernommen.
Abgesehen von den wenigen Festszenen mit riesiger Statisterie wandelt sich das Geschehen in ein Kammerspiel, das von unmöglicher Liebe, Krankheit und gesellschaftlicher Ächtung erzählt. Die Schauspieler – hauptsächlich Marjukka Tepponen mit ihrem Geliebten Alfredo Germont (Julien Behr) – verlieren sich in der riesigen Kulisse und machen einmal mehr die Verlorenheit des Einzelnen in der Gesellschaft deutlich.
Wie in einem Adventskalender öffnen sich Türen in der Kulisse, hinter denen sich kurz weitere Spielräume eröffnen: das Landhaus der Liebenden oder die Arztpraxis, in der der Arzt das Röntgenbild Violettas betrachtet. Auch wird die Scherbe zur Projektionsfläche, auf der die Protagonistin ihr Leben vorbeiziehen sieht. Die Krankheit wird symbolisiert durch eine enorme schwarze Kugel, die aus dem zerbrochenen Spiegel hervorkommt und diesen weiter zersprengt.
Giuseppe Verdis La Traviata wurde am 6. März 1853 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt und hat nichts von seiner Aktualität verloren. Der Komponist hielt damals der venezianischen Gesellschaft einen Spiegel vor und das macht Regisseur Damiano Michieletto auch. Nur, dass er das Setting in die 20er Jahre verlegt. Es sei „eine zynische, kapitalistische, faszinierende Welt, die konsumieren will und keine Zeit zu verlieren hat“, findet der Regisseur, der dem Publikum mit auf den Weg geben will, sich frei zu machen vom Urteil anderer. Ob das so gut gelingt, ist fraglich. Der Jubel auf der Seebühne gilt eindeutig der finnischen Sopranistin Marjukka Tepponen und ihrer intensiven, herausragenden Stimme. Begeisterungsstürme seitens des Publikums bleiben aus. Die Finnin ist Ensemblemitglied der Semperoper Dresden. In Bregenz ist sie in weiteren neun Vorstellungen zu sehen. Die Karten für La Traviata sind bedauerlicherweise restlos ausverkauft – ein Beleg für das große Interesse an Emotionen, einem zerbrochenen Spiegel und viel Wasser als Bühnenbild.
Titelbild: Bregenzer Festspiele © Anja Köhler



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