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Kritik: „Der Gott des Gemetzels“ – Ein glanzvoller Abend in der Alten Feuerwache Saarbrücken

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Ein glanzvoller Abend in der Alten Feuerwache Saarbrücken

von Kurt Bohr

Die siedende Hitze, bei der man sich im Sommer immer wieder sehnlich eine kleine Klimaanlage im Kleinen Haus des Staatstheaters Saarbrücken (Alte Feuerwache) am Landwehrplatz herbeiwünscht, spiegelt sich zunehmend in dem Theaterstück von Jasmina Reza „Der Gott des Gemetzels“, das scheinbar so harmlos und Sympathie heischend beginnt.

Das Ehepaar Annette und Alain Reille ist zu Gast in der Wohnung der Eltern des 11-jährigen Bruno, der deren Sohn, seinen gleichaltrigen Schulkameraden Ferdinand eine Petze genannt hatte. In seinem Zorn darüber schlug er Bruno mit einem Stock ins Gesicht, wobei zwei Schneidezähne zu Bruch gingen und die Oberlippe heftig angeschwollen war. Die Erwachsenen sind zusammengekommen, um ein Gerichtsverfahren zu vermeiden und den Konflikt möglichst einvernehmlich zu lösen. Es scheint sich im Gespräch alles ganz harmlos anzulassen mit der Schilderung des Konflikts zwischen den beiden Jungs. Aber schon zündet Brunos Mutter Véronique, eine Afrika-Expertin, die sich beruflich mit dem Konflikt von Darfour in Afrika beschäftigt, den ersten Aggressionsfunken: Sie sagt, Ferdinand sei mit einem Stock bewaffnet gewesen, als er auf Bruno einschlug. Das geht Alain und Annette zu weit: ein Bambusstock sei doch keine Waffe. Man verständigt sich rasch auf die Version, dass er nicht mit einem Schock bewaffnet gewesen sei, sondern einen Stock in der Hand gehalten habe. Aber Jasmina Reza treibt die Spannung immer mehr an und lässt das Wortgefecht in kleinen Schritten immer aggressiver werden, bis es zu Geschrei und gar Handgreiflichkeiten kommt.

Das Stück ist optimal besetzt, die moderne Bühnenausstattung (Stefano Di Buduo) spiegelt Veroniques künstlerisch erlesenen Geschmack besonders auch in den interessanten Kunstwerken wider, mit denen sie ihre Wohnung schmückt. Symbolträchtig schräg wie das ganze Stück ist das Bad, das man nur auf schiefer Ebene nutzen kann. Christiane Motter spielt diese Veronique auf höchstem Niveau, superb und mit Verve, konzentriert und mit engagierter Emotionalität. Ihr Mann Michel wird verkörpert von Fabian Gröver, der seiner Rolle in jeder Hinsicht gerecht wird. Anfangs etwas zurückhaltend, schildert er zunächst auf Frage von Alain das Warenangebot seines Handwerksbetriebs. Er und Veronique erwarten sich eine wie auch immer geartete Genugtuung für das ihrem Sohn von Ferdinand angetane Unrecht. Trotz anfangs bekundeter Verständigungsabsicht verteidigen Annette und Alain ihren Sohn quasi „mit Zähnen und Klauen“.

Als höchst unangenehme Begleiterscheinung erleben wir in kurzen Abständen Handy-Telefonate von Alain, beruflich Syndikus eines großen Pharmaunternehmens, das sich gerade öffentlichen Angriffen wegen schädlicher Nebenwirkungen eines Präparats erwehren muss. Gregor Trakis gibt diesen abgefeimten, kaltschnäuzigen, zynischen Juristen mit großer Härte und wird dieser Rolle ebenso optimal gerecht wie seine Gattin Annette, dargestellt von Verena Bukal. Zwischen die beiden passt kein Blatt Papier, sie geben in der Auseinandersetzung keinen Millimeter nach. Veronique und Michel werden auch immer aggressiver. Michel versucht auszugleichen, indem er hochprozentigen Alkohol anbietet, dem dann von allen unmäßig zugesprochen wird. Sie werden aggressiver und gar handgreiflich, Annette übergibt sich sogar und bespeit in großem Schwall das Hemd ihres Gatten.

Auch bei Michel und Veronique läutet vielfach das Telefon, Michels Mutter ruft immer wieder an und er erfährt, dass sie just das Medikament einnimmt, das in Alains Firma so unangenehme Nebenwirkungen gezeitigt hat. Michel gibt das Telefon an Alain weiter, der die ältere Dame mit typisch juristischem Geschwurbel „einseift“ und auflegt, sehr zum Verdruss von Veronique, die sehr aufgebracht reagiert. Auf dem Gipfel seiner Aggression springt Alain trampelnd auf die Couch und tobt lauthals: „Ich bin der Gott des Gemetzels!“ So erreicht das Stück seinen absoluten Höhepunkt und endet im Streit. Ein überaus spannender, sehr sehenswerter Abend, eineinhalb Stunden ohne Pause durchgespielt, auf höchstem Niveau unter der glanzvollen Regie und Personenführung von Christoph Mehler. Kostüme (Carolin Schogs), Licht (Armin Konrad) und Musik (Christoph Iacono) entsprechen den Anforderung des Stücks in allen Belangen bestens. Wohlverdienter, langanhaltender, begeisterter Beifall.

Titelbild: Gregor Trakis, Fabian Gröver, Christiane Motter, Verena Bukal ©Stefano Di Buduo

Filed Under: Allgemein, Kritik

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