
von Johannes Birringer
Allein schon der Anstieg, von Hildegard Reehs elegantem Wohnhaus den Berg hinauf zu ihrem Ausstellungspavillon mit rundum verglasten Fassaden, ist geistige Anforderung; der Blick schweift über in der Natur verstreute, verzerrt-geometrische Skulpturen, und oben angekommen zurück über das weite Tal und die Einmünding der Sauer in die Mosel, über ein altes Fischerdorf an der Grenze zu Luxemburg. Noch weiter oben am Berghang leuchten versetzte Buchstaben im hohen Gras, ein Wortspiel des Ungewissen (“VER LUST”).
Chikako Kato zeigt ihre Malerei (45 Werke, vorwiegend mit Tinte/Acryl auf Papier und Leinwand) in diesem wundersamen Pavillon, dessen Schiebefenster sich öffnen und die Übergänge von Innen nach Außen fließend machen. Und das Fließende bestimmt auch die vorgegebene Thematik – „Shogyô Mujô“ – ein buddhistischen Memento an die Vergänglichkeit allen irdischen Treibens, das seit früher Zeit die Kultur ganz allgemein und besonders die Künste in Japan be¬einflusst hat. Das klassische japanische literarische Werk „Die Geschichte der Heike“ beginnt mit der Zeile: „Der Klang der Glocke des Jetavana-Klosters spiegelt die Vergänglichkeit aller Dinge wider.“ Der Klang der Glocke des alten Tempels Jetavana weckt ein Gefühl für die ewige Vergänglichkeit von Erscheinungen und der Existenz – ein Konzept, das die flüchtige Natur greifbarer Dinge veranschaulicht. Dennoch, der Klang der Glocke mag vergänglich sein; nicht jedoch sein Wiederkehren, und in Kato’s Zeichnungen oft mikroskopisch winziger, zellularer Objekte, Moleküle oder Atome (Lupen sind dem Besucher bereitgelegt) scheint mir die Vielzahl der schwebenden Moleküle auf etwas anderes hinzudeuten. Nämlich auf ein Schweben, einen elementaren Zustand der Hoffnung, wie es der Schwarm der Vögel im Frühjahr oder Herbst vermittelt. Diese Schwärme in den Bildern Katos (wobei die winzigen Objekte manchmal auch elektrische Symbolik evozieren, die kleinen Pünktchen sehen aus wie Widerstände, als ob Elektroden uns etwas kommunizieren über unsere vergeblichen politischen Wirren und Verwicklungen, unsere Entwaffnung, unsere täglichen Verluste und rastlosen Entspannungen.

Für mich erwecken viele der Zeichnungen sofort eine physische, elementare Spannung –die feinen Objektlinien kreieren Wolkenhimmelbilder von Vogelschwärmen, die auch eine flüchtige und unergründliche Choreografie des Kommens und Gehens (Fliegens) implizieren. Oder das Durchqueren des Himmels, und des Schreibens in den Himmel hinein. Diese gemalten Partikel sind wie Hieroglyphen. Kato, vielleicht mit dem winzigsten Pinsel der Welt, hat eine meisterhaftre Kontrolle über ihre Farbpunkte und Formentänze. Vielleicht steht die japanische Künstlerin, die es nach Trier verschlagen hat, in der Tradition von Hokusai, und dessen beeindruckenden Farbholzschnitten, auf denen Licht, Atmosphäre und Bewegung wundervolle Landschaften erzeugen (auch Hokusai kommt aus einem Fischerdorf).
In Katos Werken ist viel Luft, Raum, und Leere, und dennoch schwingen ihre Punkte und Moleküle in einer kühnen Bildsprache. Kato schreibt uns unentzifferbare Geschichten, wie in ihrem kleinen schwarzen Buch mit dem Titel „Jinsei” (Life), zu einem Traktat des Dalai Lama. Kato’s eigenwillige und unergründliche Malereien sind still und doch aufregend, vielleicht ver-sperren sie sich, auch räumlich-gedanklich, wie der grosse Paravent, der mitten im Raum steht mit seinen fünf beidseitig farbig-monochromen Tafeln und winzigen Objekten. Wenn der Klang der Moleküle zurückkehrt, ist seine Natur nicht flüchtig; im Gegenteil, die mikroskopischen Organismen ihrer Gemälde und oft auch unsichtbaren Räume, leichtgewichtig ins Transzendente sich bewegend, werden uns wie Töne und Noten im Ohr wiederschwingen.
Ausstellung vom 3.5. bis 7.6.2026, mehr Infos unter: www.contemporanea.de/events/aktuell/
Titelbild: Chikako Kato, Shogyô Mujô, 2023, Acryl auf HPL, 180x275cm, 5-teiliger Paravent [detail]. © Bodo Korsig



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