
Von Katinka Fischer
Es war nicht allein „Monets Küste“, obwohl die aktuelle Ausstellung im Frankfurter Städel Museum diesen Titel trägt. Er spielt an auf die einzigartigen Felsformationen des kleinen französischen Seebads Étretat, das einst Fischerdorf war und heute Touristen aus aller Welt anzieht, deren Zahl die der 1100 Einwohner um ein Vielfaches übersteigt. Bekannt wurde der Ort auch durch die Bilder der vielen Künstler, die er Mitte des 19. Jahrhunderts in seinen Bann zog. Immer wieder variierte Courbet die Ansicht des Felsenbogens Porte d’Aval, als er den Sommer des Jahres 1869 in der Normandie verbrachte. Auch viele seiner Wellen-Bilder sind dort entstanden. Gustave Caillebotte hielt sich ebenfalls in Étretat auf, wobei sich in seinem 1884 entstandenen Werk „Mann im Arbeitskittel“ keine ortstypischen Anhaltspunkte finden. Henri Matisse wiederum fertigte im Sommer 1920 mehr als 40 Gemälde und zahlreiche Zeichnungen dort an.
Zum Treffpunkt wurde die Klippenlandschaft auch für Intellektuelle und das Pariser Bürgertum. Guy de Maupassant erhob Étretat literarisch zu einem Sehnsuchtsort, und in den Romanen von Maurice Leblanc hortet der Meisterdieb Arsène Lupin dort seine Kunstschätze. Durch die Aufnahmen des Chemikers Alphonse Davanne wurde Étretat bereits wenige Jahre nach der Erfindung der Fotografie zum fotografischen Motiv.
Dass Étretat eine bedeutende Rolle bei der Entstehung einer neuen Malerei spielte, die unter dem Begriff Impressionismus in die Kunstgeschichte einging, verdankt der Ort freilich vor allem Monets Anwesenheit. Der Maler hielt sich zwischen 1864 und 1886 mindestens sechs Mal in Étretat auf. Von der Steilküste mit ihren drei markanten, durch Erosion entstandenen und mehr als 80 Meter hohen Felsentoren Porte d’Amont, Porte d’Aval und Manneporte war er so fasziniert, dass er in dieser Zeit etwa 80 Gemälde, mehrere Pastelle und eine Reihe von Zeichnungen schuf, die bis heute den Blick auf den Ort prägen.
Die Motivreihen, die unter dem Eindruck der sich stets verändernden Licht- und Wetterverhältnisse entstanden, wurden später charakteristisch für seine Arbeitsweise. Angewandt hat er sie unter anderem auch bei seinen berühmten Heuschobern, den Ansichten der Kathedrale von Rouen, der Londoner Themse und natürlich bei den Seerosen, die in seinem Garten in Giverny wuchsen und die er in mehr als 250 Bildern verewigt hat. So erfand er Ende des 19. Jahrhunderts das Konzept der seriellen Malerei.
Die Frankfurter Ausstellung zeichnet nun all diese Entwicklungen nach. Sie beleuchtet die künstlerische Entdeckung von Étretat und den Einfluss des einstigen Fischerdorfes auf die Malerei der Moderne. Präsentiert werden knapp 200 Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und historische Dokumente aus französischen, deutschen und weiteren internationalen Museen. Im Mittelpunkt steht freilich Claude Monet, der mit 24 Werken vertreten ist. Zwei in Étretat entstandene Exponate stammen aus der Städel-Sammlung und bilden den Ausgangspunkt der von Alexander Eiling und Eva Mongi-Vollmer kuratierten Schau: Monets „Mittagessen“ und Courbets „Woge“.
Die Ausstellung illustriert nicht allein ein wesentliches Kapitel der Kunstgeschichte, sondern auch die Entwicklung von der Entdeckung des einstigen Fischerdorfes um 1800 über das Zentrum der Bohème bis hin zum Touristenmagnet. Nicht zuletzt sorgt auch die immersive Projektion der Künstler dafür, dass Besucherinnen und Besucher sich an Ort und Stelle einen Eindruck von der überwältigenden Wirkung der Klippen machen.
Bedauerlicherweise ist uns in der Print-Ausgabe ein kleiner Fehler unterlaufen: Die Ausstellung geht bis einschließlich 5. Juli.
Bild: Claude Monet, Steilküste von Aval, 1885, Öl auf Leinwand © Hasso Plattner Collection



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