
Von Dr. Kurt Bohr
Am Freitag, den 7. August, feierte das Musical „Made in Dagenham“ (Buch: Richard Bean, Musik: David Arnold, Songs: Richard Thomas) in der Gebläsehalle Neunkirchen Premiere. Es war ein viel umjubelter, strahlender Erfolg. Das Publikum fühlte sich offenbar bestens unterhalten. Inszenierung und Regie hat der erfahrene und bestens bewährte Musicalspezialist Holger Hauer übernommen, dem ein souveräner Wurf gelungen ist. Es geht um einen historisch bekannten Konflikt in Großbritannien zur Zeit des Premierministers Harold Wilson 1968 in dem Industriestädtchen Dagenham im Großraum von London. Der amerikanische Industriekonzern Ford hatte dort eine Produktionsfabrik, in der hauptsächlich Männer arbeiteten, aber auch eine überschaubare Anzahl an Frauen, die die Lederbezüge für die Autositze nähten. Obwohl sie drei Prüfungen ablegen mussten, waren sie als ungelernte Arbeitskräfte eingestuft und verdienten rund ein Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen. Das führte zu Unmut, heftigen Diskussionen und schließlich zum Streik. Sehr zum Verdruss der Konzernleitung, die eigens einen Sonderbeauftragten nach Dagenham schickte, um die streikenden Frauen zur Aufgabe zu bewegen. Diese hatten jedoch im Laufe der Zeit gelernt, sich zu solidarisieren und auf dem Weg zur Durchsetzung ihrer berechtigten Forderungen nicht aufzugeben.
Es ist höchst eindrucksvoll zu erleben, wie die Personalführung auf der Bühne optimal gelingt. Einerseits mit der wachsenden Solidarität der Frauen, andererseits mit den vergeblichen Versuchen des Gewerkschaftsfunktionärs (Frank Weiss) und der Geschäftsleitung von Ford, dem Generaldirektor Hopkins (Thorsten Sprengart) und dem Produktionsleiter, Gregory Hubble (Ben Wichterich-Setz), die Frauen auszutricksen. Selbst dem forschen und stimmlich gut aufgelegten Mr. Tooley (Leonard Jahnke), der eigens von der Fordzentrale in den USA angereist ist, gelingt es letztlich nicht, den Erfolg der Frauen zu verhindern.
Ohne die beachtlichen schauspielerischen und gesanglichen Leistungen der Männer auf der Bühne zu schmälern, muss doch festgehalten werden, dass sich der Frauenchor stimmlich und darstellerisch in glänzender Form zeigte. Herausragende Rollen spielen die Familie O’Grady, vor allem Rita, die Ehefrau, die nach und nach aus der Rolle der kleinen Näherin, dank ihres Mutes und ihrer Kraft, auch Konflikte mit ihrem Ehemann auszuhalten, über sich hinauswächst und zur Speerspitze der Streikbewegung wird. Michelle Bußkamp ist stimmlich bestens gewappnet, um der solistischen Herausforderung zu genügen, aber auch ihre schauspielerische Leistung lässt nichts zu wünschen übrig. Überzeugend ist auch ihr Ehemann Eddie O‘Grady, der stimmlich nicht so gefordert ist wie seine Frau, aber alles in allem seiner Rolle hervorragend gerecht wird. Besondere Erwähnung verdienen die mit kleineren solistischen Partien aufwartenden, aber darstellerisch und stimmlich beachtlichen Näherinnen Beryl (Claudia Wendels), Sandra (Pia Willems), Claire (Luisa Marie Schwender), Connie (Leni Saar) und Cass (Maya Ovieya Okuesa).
Die große Politik darf natürlich nicht fehlen: mit Premierminister Harold Wilson, der nicht unbedingt mit Führung glänzt und das jedoch mit Humor auf die Bühne bringt, sowie der toughen, politisch korrekt auftretenden Arbeitsministerin Barbara Castle, glänzend verkörpert von Anna Gitzinger. Sehr gekonnt agiert auch Nicolas Schneider als Komiker „Molliger Max“, der auch im Cortina-Chor mitwirkt.
Geradezu perfekt begleitet wird das Bühnengeschehen von der Band unter der Leitung von Francesco Cottone, der auch die Keyboards spielt. Zur Band gehören Juan Pablo Gonzalez (E-Gitarre und Akustikgitarre), Amby Schillo (Percussion), Achim Bißbort (Bass) und Silvana Berwanger (ebenfalls Keyboards), Mathias Biehl (Drums), Thomas Girard (Saxophon, Klarinette, Flöte), Nicolas Barbian (Saxophon, Klarinette) und Don Owen (Trompete, Flügelhorn).
Die moderne Bühnenausstattung mit verblüffend passenden Pappmachee-Figuren und -Geräten wirkte unaufdringlich und unterstützte das Bühnengeschehen ebenso einleuchtend wie der sorgsam austarierte Ton und die Beleuchtung. Insgesamt ein überaus gelungener Premieren-Abend. Man sollte sich beeilen, um für die nächsten Vorstellungen Karten zu sichern.
Nächste Termine: 11., 12., 14. und 15.8., jeweils um 20 Uhr, 16.8. um 18 Uhr.
Bild: Die forschen, streikenden Frauen, in der Mitte Michelle Bußkamp als Powerfrau Rita O’Grady © Foto Carina Heller



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