
Von Lina Monecke
Bereits vor Sonnenaufgang ist der US-amerikanische Tech-Millionär und Biohacker Bryan Johnson (48) auf den Beinen und hat seinen ersten Vitalwert überprüft. Was die meisten Menschen höchstens einmal jährlich beim Arzt checken lassen, ist für ihn tägliche Routine – und das gleich mehrmals. Sein ganzer Tagesablauf ist bis ins kleinste Detail geplant. Alles für sein Ziel: das Altern zu verlangsamen oder gar rückgängig zu machen, um die Langlebigkeit (Longevity) zu erreichen. Dafür investiert er jedes Jahr ungefähr zwei Millionen Dollar. Mit seinen 2,06 Millionen Abonnenten auf YouTube teilt er regelmäßig seine Fortschritte, Erkenntnisse und neuesten Eingriffe.
Damit ist der Biohacker längst nicht mehr allein. Influencer teilen auf Social Media Rezepte und Produkte, die die biologische Uhr verlangsamen sollen, denn durch Ernährung, Bewegung und den mentalen Zustand könne die Lebensqualität gesteigert und das Leben verlängert werden. So die Philosophie der Biohacker.
Was immer als unausweichlich galt – der Tod als einzige Gewissheit im Leben – hinterfragt Johnson. Um das zu beweisen, opfert er sein Leben für die Wissenschaft. Scheinbar mit Erfolg. Aktuell altert er biologisch jedes Jahr nur sieben Monate. Seine Lungenkapazität, Entzündungswerte, Knochen und Muskelkraft entsprechen denen eines 20-Jährigen.
Dafür stapeln sich in seiner Küche Boxen mit Spritzen und unzählige Glasbehälter voller Pillen. Zu seinen Mahlzeiten, die er alle vor elf Uhr morgens zu sich nimmt, um ungestört schlafen zu können, nimmt Bryan etwa 100 Tabletten. Jede Mahlzeit ist exakt an seinen individuellen Nährstoffbedarf angepasst. Jede einzelne zugeführte Kalorie wird über den Tag verbrannt. Jeden Tag das gleiche Gericht.
All diese Routinen werden von dreißig Leibärzten überwacht und weiterentwickelt. Klar ist: In dem Ausmaß wie Bryan Johnson auf seine Gesundheit achtet, ist es für durchschnittliche Menschen nicht machbar. Allein seine Morgenroutine dauert drei bis vier Stunden. Deshalb einige leichter umsetzbare Tipps vom Biohacker: kein Alkohol, kein Rauchen, kein Junk-Food, kein Industriezucker, keine Softgetränke. Stattdessen jeden Tag: um dieselbe Uhrzeit ins Bett gehen, mindestens dreißig Minuten Sport machen und auf eine gesunde Ernährung achten.
Doch die entscheidende Frage lautet: Wird Longevity nur einer ausgewählten Elite zur Verfügung stehen oder werden alle Menschen in den Genuss der Langlebigkeit kommen?
Corina Madreiter-Solowski, Altersforscherin, äußert Bedenken. Im Silicon Valley würden zwar Investoren wie Mark Zuckerberg, Peter Thiel und Jeff Bezos, Tech-Unternehmer und führende WissenschaftlerInnen eine hochwertige Forschung sichern. Doch sei diese Grundlagenforschung privatisiert und liefere Erkenntnisse nur für einen elitären Kreis.
Zugleich vermarktet Johnson seine „Forschungsergebnisse“ über seine Website Blueprint, auf der er Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine, Nüsse, usw. ab 14 Euro bis 1150 Euro anbietet.
Sebastian Grönke vom Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns in Köln sieht die Thesen der Biohacker auf Social Media kritisch. Das Hauptproblem der Longevity-Forschung sei ihr eigenes Forschungsfeld, der Mensch, erklärt Grönke. Studien, die auf Mäusen basieren, zeigen bereits Erfolge bei der Lebensverlängerung. Doch beim Menschen, der eine viel längere Lebensspanne hat, fehlen bisher aussagekräftige Studien. „Es gibt im Moment nicht ein Medikament, nicht einen Diäteingriff oder Bewegungsprotokoll, was nachgewiesenermaßen die Lebenszeit verlängert (…), weil die entsprechenden Studien fehlen. Eine Ein-Mann-Studie wird das auch nicht ändern.“ Dennoch erkennt er die Beiträge der Biohacker als „sinnvollen Hinweis“ an und ist überzeugt, dass es in Zukunft möglich sein wird, „die Lebenszeit von Menschen durch Medikamente und bestimmte Eingriffe zu verlängern“.
Daran hält auch Bryan Johnson fest. Um 20:30 Uhr geht er ins Bett – in der Gewissheit, am nächsten Morgen wieder die gleiche Routine zu beginnen. Ob er tatsächlich länger lebt, wird die Zeit zeigen.
Bild: Bryan Johnson © Katriece Ray



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