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Kritik: Brechts „Dreigroschenoper“ im Saarländischen Staatstheater: Aktueller geht’s nicht

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von Burkhard Jellonnek

Ende August 2028 jährt sich zum 100. Mal die Premiere von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“. Von wegen in die Jahre gekommen: auch heute noch steht das kongeninale Werk des Dramatikers von Weltrang, gemeinsam geschaffen mit dem Komponisten Kurt Weil unter Einbeziehung der von Elisabeth Hauptmann aus dem Englischen übersetzten Bettleroper, in den Top Ten der meistgespielten Stücke auf deutschsprachigen Bühnen. So jetzt auch geschehen im Saarländischen Staatstheater. Der neue Generalintendant Prof. Michael Schulz gewann seinen Schauspielchef Christoph Mehler für die Umsetzung – eine vorzügliche Entscheidung, wie sich nach der dreistündigen Premiere eindrucksvoll herausstellte.

Verfolgt man die heutige Politdiskussion von Bürgergeld bis Vermögenssteuer, so hat Brechts Klassiker um dahinsiechende Unterschichten, kriminelle Milieus und die ihre Vorteile geschickt nutzenden Begüterten nichts von seiner aufklärerischen Wucht verloren. Der klassenkämpferische Brecht zeigte schon damals die Zusammenhänge zwischen dem „Fressen“ und der „Moral“ in seinem die Dreigroschenoper beherbergenden Londoner Stadtteil Soho auf, und Regisseur Christoph Mehler projiziert den Gegensatz auf das Bild der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Und Mehler ist in seinem Element, baut große Bilder um das Bordell „Beautiful“ (Stefano di Buduo), schickt eine ganze Reihe von Edelmimen und Komparsen aus der Platte des Lumpenproletariats und der Gelegenheitsdiebe (detailverliebt ausgestattete Kostüme: Jennifer Hörr), bei der dann ein Sébastien Jacobi als bettelnder Hakenfingerjakob oder ein Fabian Gröver als Münzmatthias für die nötige Atmosphäre sorgen. Das wird dann auch noch, wie bei Mehler inzwischen Standard, durch eine unermüdlich Bilder sendende Live-Kamera auf die Projektionsfläche der Drehbühne übersetzt. Das alles wäre aber nur die halbe Miete gewesen: Der Abend verdankt seine überzeugende Kraft durch das Spiel der Hauptakteure. Macheath, dessen Geschichte von Mäcki Messer und dem Haifisch, der Zähne hat, schon im Opening des Abends von einer Moritatensängerin (Louisa von Spies) verraten wird, wird von Jan Hutter facettenreich, von winselnd bis verschlagen, gespielt und noch besser gesungen, Chapeau! Und damit nicht genug, verliebt er sich doch in die Peachum-Tochter Polly (Louisa von Spies), sehr zum Ärger ihrer Eltern Jonathan (mit allen Wassern gewaschen: Bernd Geiling) und Celia (Gaby Pochert als imposante Erscheinung), die als clevere Geschäftsleute im Soho-Viertel das Wohl und Wehe der armen Leute im Griff haben. Daraus entwickelt sich eine packende Liebesgeschichte, in der Louisa von Specht, eine Brandauer-Schülerin, besticht durch ihre unglaubliche Bühnenpräsenz. Stimmlich auf hohem Niveau, begeistert sie wie auch ihre Gegenspielerin Lucy Brown (überzeugend: Jacky Smit), die mit ihrem Liebeswerben um Macheath dazwischenfunkt. Aber Macheath hat in den Peachums und am Ende die ihn schützende Hand zurückziehendem Polizeipräsidenten Brown (gleichsam unterwürfig wie machtvoll: Christine Motter), die ihn ausgerechnet am Krönungstag der Queen an den Galgen bringen sollen. Und sein letztes Stündchen hätten schon geschlagen, wenn nicht wie „Deus ex machina“ ein reitender Bote in Person von Christiane Motter buchstäblich über der Drehbühne heruntergeschwebt wäre und dem Täter im Namen der Queen die Generalamnestie, ein Schloss und Auskommen beschert hätte. Man wollte, sagte schon Brecht damals, dem Publikum die Absurdität der Entscheidung vor Augen führen. Aber auch heute: Viel Beifall für eine rundum gelungene Premiere am Saarländischen Staatstheater.

                                                                                       

Informationen: www.staatstheater.saarland

Die nächsten Termine im Staatstheater:

06.(18 Uhr), 10., 25. April (19.30 Uhr); 10., 14. Mai (18.00 Uhr) sowie 04. (18 Uhr), 10. (19.30 Uhr), 14. (14.30 Uhr), 20., 24. Juni (alle 19.30 Uhr)

Titelbild:

Gefährdet: Die große Liebe zwischen der Peachum-Tochter Polly und dem Ganoven Macheath steht unter einem ungünstigen Stern (v. l. Musiker*innen, Gaby Pochert, Bernd Geiling, Jan Hutter und Louisa von Spies). © Stefano Di Buduo, Saarländisches Staatstheater

Filed Under: Allgemein, Kritik

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