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Kritik: Hamlet dreht durch am Theater Trier

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Hamlet dreht durch.

Am Theater Trier inszeniert Nicolai Sykosch William Shakespeares Tragödie „Hamlet, Prinz von Dänemark“ mit einem hypermotorischen Königssohn.

Von Eva-Maria Reuther

Der Abend beginnt eindrucksvoll © Benjamin Westhoff /Theater Trier

Wer ist Hamlet? Die Frage treibt seit vier Jahrhunderten Theatermacher und andere um. Regie-Großmeister Peter Brook berichtete, dass er sich ein ganzes Leben mit ihr beschäftigt habe. Bis heute bleibt der unglückliche Prinz aus einer der berühmtesten Dramen der Weltliteratur, eine rätselhafte, aber faszinierend gegenwärtige Gestalt. Als letzte große Schauspielpremiere dieser Saison feierte William Shakespeares Tragödie „Hamlet Prinz von Dänemark“ jetzt in der Inszenierung von Nicolai Sykosch am Theater Trier Premiere. Der Abend beginnt eindrucksvoll. Eine gestreifte Flagge mit zwei schwarzen vieldeutigen Raben bedeckt wie ein riesiger Teppich die Bühne von Anja Jungheinrich. Sie ist Hoheitszeichen wie Markierung des Ortes, dem Schloss von Helsingör. Ein düsterer Wachposten steht darauf. „Wer da?“ ruft der Wächter. Eine Frage, die sich als Leitton durch das Drama zieht, denn schließlich weiß der Ankömmling Hamlet selbst nicht, wer er ist, und was er will. Später wird die Flagge hochgezogen und hängt schief am Bühnenhimmel. Die Zeit ist schließlich „aus den Fugen“, sie hat ihr „Gelenk“ verloren. Der „Hamlet“ ist ein schwieriges Stück. Vor allem aber ist es ein geradezu radikal modernes Stück mit seinem Prinzen zwischen Zweifel und Erkenntnis, der begreift, dass Druck und Bequemlichkeit Menschen zu Feiglingen machen, und Shakespeares entlarvendem Blick auf die Politik als kaltem Machtkalkül. Shakespeares Tragödie wurzelt im christlichen Glauben und seiner Moral, allerdings nicht mehr mit der alten Glaubenssicherheit. Zurück zur Eingangsfrage: Wer ist nun dieser Hamlet, der scheiternde Zauderer und betrogene Rächer eines keineswegs unschuldigen Vaters, der als Geist Vergeltung fordert? In Trier ist er ein zutiefst verunsicherter, mal weinerlicher aber meist wütender junger Mann, der in seiner Not am Palastgitter rüttelt, schreiend herumrennt, in seiner Raserei auch mal jemand an die Gurgel geht, und immer kurz davor ist, durchzudrehen.

Bisweilen hat er ein paar nachdenkliche Momente und wenn er mal gut drauf ist oder vielleicht auch nur total verzweifelt, rockt er mit seinen Freunden die Bühne. Sykosch hat die Rolle des Prinzen mit einer Frau besetzt. Das ist weiß Gott nichts Neues. Susanne Schieffer spielt diesen Hamlet mit ungeheurem Einsatz und verausgabt sich dabei bis an ihre Grenzen. Das ist fraglos eine gewaltige Leistung. Gleichwohl bleibt die Inszenierung unbefriedigend. Ihr fehlt neben einer sorgfältigen Personenführung auch eine zündende Grundidee. Stattdessen wirkt Sykoschs Lesart wie ein Mix etablierter Regieideen, vom weiblichen Hamlet über das eingearbeitete Zitat aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“, bis zu den poppigen Musikeinlagen. Dass der Regisseur bei der Friedhofsszene schließlich noch den Trierer Goldschatz und den Epstein-Skandal einarbeitet, muss als dramaturgische Notwehr eines Theaters unter dem Druck des Popularitätsgebots gelten. „Nahe an der Gegenwart“ habe er die Tragödie inszeniert, wird Sykosch zitiert. Neben den gerade erwähnten Beispielen beschränkt sich solche Aktualität allerdings auf ein weithin zeitgenössisches Kostümbild (Kostüme Veronika Bleffert). Viel zu kurz kommt die psychologische Ausdeutung der Charaktere. Schließlich ist der „Hamlet“ nicht nur ein philosophisch, sondern auch ein psychologisch komplexes Stück. Sykoschs Figuren bleiben eindimensional. Es ist ein recht biederer Hofstaat, den der Regisseur in Trier eingerichtet hat. Hamlets Onkel, der Brudermörder König Claudius (Harald Pilar von Pilchau) gleicht im braunen Anzug mit türkisem Hemd und überm Hosenbund baumelnder Krawatte eher einem spießigen Vertreter des mittleren Managements, der intrigant die eigene Stellung sichert und die eben angetraute verwitwete Schwägerin Getrud nach Macho-Art mit einem Klaps aufs Hinterteil verabschiedet, als Shakespeares königlichem Machiavellisten, hinter dessen heuchlerischem Lächeln sich eiskalter Machtwille verbirgt. Erst in der Gebetsszene schafft dieser Claudius einen Hauch von Tragik.

© Benjamin Westhoff /Theater Trier

Platt angelegt ist auch Hamlets Mutter. Als seltsam verhuschte Mischung aus Femme fatale und Mütterlichkeit kommt Barbara Ullmann mit erfolgsblondem Haar, modischem Brillengestell und rotem rüschenbesetztem Kleid, als blutschänderische Königin Gertrud daher. Wenn sie schließlich unter der hochgefahrenen Bühne aus der Rotlicht gefluteten Lasterhöhle ihres Boudoirs in eben diesem Kleid auftaucht, ist das Kitsch vom Feinsten. Ganz in Weiß gewinnt Eva Stempel als Hamlets Braut Ophelia nach der Pause als Wahnsinnige berührend Statur. Geradewegs vom Tennisplatz scheinen Hamlets von Claudius als Spione benutzte Jugendfreunde Rosencrantz (Giovanni Rupp) und Guildenstern (Stephan Vanecek) zu kommen. Joana Tscheinig sorgt sich als treuer Freund Horatio um den Prinzen. Klaus-Michael Nix ist Ophelias von Hamlet versehentlich gemeuchelter Vater Polonius. Yannick Sturm ihr Bruder Laertes, Shakespeares Hamlet lebt von der Sprache. Der wird hier ziemlich Gewalt angetan. Zu Grunde liegt der Inszenierung die Übersetzung von Jürgen Gosch und Angela Schanelec. Gosch, der Meister hochpräziser Inszenierungen würde sich wohl im Grabe umdrehen, angesichts der hier praktizierten sprachlichen Schludrigkeit. Die Textverständlichkeit ist häufig schlecht, der Ausdruck blass. Manch einer wirkt, als nehme er gerade am Wettbewerb für Schnellsprechen teil. Aus Hamlets berühmtem Monolog „Sein oder Nichtsein“ ( „To be or not to be“ ) hat das Autorenduo „Mensch sein oder nicht sein“ gemacht, was nicht dasselbe ist. Die delikateste Szene an diesem Abend bleibt das Theater auf dem Theater. Die Aufführung des Stücks „Der Mord an Gonzaga“, der durchreisenden Schauspielertruppe, das als „Mausefalle“ über dem Königsmörder Claudius zuschnappen soll ( mit Patrick Nellessen, Samuel Schriefer und Aicha Bracht).

Herzlichen Beifall und Standing Ovations vom Publikum, von dem allerdings ein Teil nach der Pause nicht wiedergekommen war.

Weitere Aufführungen: 22. März, 16 Uhr, 4./15./17. April, sowie 2./22./26. Mai, jeweils 19:30 Uhr, https://theater-trier.de/produktionen/hamlet.html

Titelbild: In trauter Zweisamkeit Hamlet (Susanne Schieffer) und Ophelia (Eva Stempel)  © Benjamin Westhoff /Theater Trier

Filed Under: Allgemein, Kritik

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