
Von Klaus Ludwig Helf
Kultur und Bildung können Städte langfristig sozial zusammenhalten, demokratisch beleben und wirtschaftlich stärken und sind damit zentrale Instrumente einer inklusiven und nachhaltigen Stadtentwicklung, die weit über ein ‚aufgeräumtes Stadtbild‘ hinausgeht. Die ‚Merz-Debatte‘ zeigt, dass es nicht darum geht, wie man ‚störende Bilder‘ entfernt, sondern wie man durch kulturelle und bildungs- und sozialpolitische Strategien lebens- und liebenswerte, vielfältige, kreative und inklusive Stadträume gestalten kann. Kommunale Kulturpolitik gilt inzwischen als Querschnittspolitik, die zugleich Sozial-, Bildungs-, Integrations-, Standort- und Stadtentwicklungspolitik ist. Kultur definiert also nicht nur das Image, sondern das reale Miteinander in der Stadt. Die kulturelle Infrastruktur von Museen und Theatern über Schulen, Hochschulen, Kultur- und Bücherläden, Plätzen, Parks, Clubs, Cafés und Bibliotheken bis zu soziokulturellen Zentren schafft öffentliche Räume, in denen sich unterschiedliche Gruppen begegnen, Konflikte sichtbar werden, aber auch aushandelbar bleiben. Kultur- und Bildungspolitik in der Stadt entscheidet darüber, wer Zugang zu kulturellen Ressourcen hat und ob kulturelle Teilhabe über Milieugrenzen hinweg gelingt.
Kulturelle Bildung wird daher als tragende Säule der kommunalen Entwicklungsplanung beschrieben. Sie kann zweifelsohne einen wesentlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Klima in der Stadt leisten, wie der Deutsche Städtetag in seinem Positionspapier („Kulturpolitik als Stadtpolitik“ vom 22.9.2015) zu Recht betont. Man brauche dringend eine gesamtstädtische Strategie mit institutionalisierter, ressortübergreifender Zusammenarbeit: von der Stadtentwicklung über die Bauverwaltung, die Wirtschaftsförderung bis hin zu Bildung und Kultur.
Es geht darum, den urbanen Lebensraum zu einem pluralen Biotop auszubauen, Austausch, Kommunikation, Verständigung und Annäherung zwischen unterschiedlichen, auch sich widersprechenden Lebensweisen und Kulturen zu fördern: „Wenn der öffentliche Raum kaum mehr Platz lässt für Begegnung und Kommunikation innerhalb und zwischen den Milieus, ohne dass ein gastronomisches Angebot wahrgenommen werden muss, oder wenn Plätze zu veröden drohen, weil sie vernachlässigt wurden, drängt sich das politische Engagement der Stadtpolitik auf, die mit Weitsicht und Mut gesamtgesellschaftlich akzeptable Lösungen anbietet, die mit der Bevölkerung, mit den Menschen vor Ort kommuniziert und abgestimmt werden.“
In Deutschland gibt es zahlreiche gelungene Beispiele, die Kultur und Bildung erfolgreich mit Stadtentwicklung verknüpfen, um Städte nachhaltiger, lebenswerter und sozial inklusiver zu gestalten. Als gelungen gilt das regionale Großprojekt „Wandel durch Kultur“ im Ruhrgebiet – der Strukturwandel von einer Montanindustrie-Region zu einem Dienstleistungs- und Kulturstandort. Andere vorbildliche Projekte betreffen Heidelberg und Mannheim.
Heidelberg
Die „Bahnstadt“ ist eines der größten Stadtentwicklungsprojekte in Deutschland und Heidelbergs jüngstes Stadtviertel, in dem bis 2027 ca. 7000 Wohneinheiten und ebenso viele Arbeitsplätze geschaffen werden sollen. In zentraler Lage auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs entsteht direkt hinter dem Hauptbahnhof in der Nähe zur City auf 116 Hektar die größte Passivhaussiedlung Europas, wo Leben und Arbeiten, Forschung und Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft eng und attraktiv miteinander verzahnt werden sollen, ein Labor für innovative, kreative und moderne Stadtentwicklung: ökologische Bauweise, bezahlbares Wohnen mit Kitas und Grundschule, Kultur- und Veranstaltungseinrichtungen, Radwegsystem sowie Grün- und Freizeitflächen. Auch ein Innovations-Campus mit Hochschule, High-Tech-Unternehmen, Büro- und Laborgebäuden ist vorgesehen ebenso wie Hotels und Einzelhändler.
Der Gebäudekomplex B³ (Bildungs-, Betreuungs- und Bürgerhaus) bietet vielfältige Möglichkeiten für Bildung und Kultur: Kita, Grundschule, Mensa, Sporthalle, öffentliches Café und ein Bürgerzentrum mit Veranstaltungsräumen. Schon heute lockt das Kultur- und Veranstaltungshaus halle02 in der ehemaligen Güterhalle mit seinem vielfältigen Programm jährlich ca. 200.000 Gäste an. Im sanierten Wasserturm des ehemaligen Bahnbetriebswerks, dem Tankturm, werden Lesungen und Konzerte, Workshops und Seminare angeboten, im Westflügel bietet das KlangForum Heidelberg Programmformate für Musik der Gegenwart an. Die Campbell Barracks und das Mark-Twain-Village inmitten der Heidelberger Südstadt sind Konversionsflächen ehemaliger Stützpunkte der US-Army und der NATO, die zu einem neuen Stadtquartier ausgebaut werden: bezahlbare Wohnungen, Kindergärten, Spielplätze, Parks, Kultureinrichtungen, Gebäude für Unternehmen, Geschäfte, Gastronomie und Praxen. In der früheren Kommandantur befindet sich das Mark Twain Center für transatlantische Beziehungen, in der ehemaligen CHAPEL ein Bürgerzentrum (Raum für Stadtkultur) und in der ehemaligen Kutschenhalle das Kulturzentrum Karlstorbahnhof. Die sanierte Sporthalle der früheren High School steht Vereinen als Trainingshalle zur Verfügung. Alter Baumbestand und große Parks bringen Flair, sorgen für ein angenehmes Mikroklima und bereichern das Stadtteilleben. Der ANDERE PARK verbindet Plätze, Grünflächen und Spielareale miteinander.
Mannheim
Die Stadtentwicklungsplanung in Mannheim zielt seit den 2000er Jahren darauf ab, das Quartier im citynahen Jungbusch in ein kulturelles Ökosystem weiterzuentwickeln. Im vormals marginalisierten Hafen- und Arbeiterquartier und späteren Rotlichtviertel wurde die Popakademie Baden-Württemberg – Deutschlands erste Hochschule mit Fokus auf Popmusik und Musikbusiness – geschaffen. Hinzu kam der Musikpark als Katalysator für eine langsame, virale Durchdringung des Quartiers durch Studierende, Kreativfirmen, Clubs, Projekte, subkulturelle Orte, moderne Wohneinheiten auch für Studierende. So wurden Schritt für Schritt neue kulturelle und ökonomische Netzwerke geknüpft. 2014 erhielt Mannheim die UNESCO-Auszeichnung „City of Music“. Das soziokulturelle Zentrum KulturBrücken ist eine Location für Veranstaltungen und Events aller Art (Konzerte, Tanz, Film) mit angegliederter Galerie. Der Trägerverein will die Völkerverständigung, Integration, Bildung und Kultur von und mit Menschen unterschiedlicher Herkunft fördern.
Neben den stadtplanerischen Großprojekten gibt es zahlreiche Programme, die von der UNESCO und der EU gefördert werden. Das UNESCO Creative Cities Network steht für Programme, die Wirtschaft, Bildung und soziale Teilhabe fördern. In Deutschland sind es acht Städte, u. a. Mannheim („Stadt der Musik“), Heidelberg („Stadt der Literatur“) und Karlsruhe („Stadt der Medienkunst“).
Im UNESCO-Learning-Cities-Programm entwickeln Städte innovative Strategien, die das lebenslange Lernen und den Erwerb von Fähigkeiten und Kompetenzen, zukunftsfähiges Denken, nachhaltiges Handeln und soziale Inklusion fördern. Bonn, Dresden, Gelsenkirchen und Hamburg beteiligen sich.
Jenseits klassischer Bildungs- und Kulturförderung unterstützen seit Jahren auch EU-Programme wie URBACT- oder Erasmus+ Projekte, in denen Stadtentwicklung und Bildung zusammengedacht werden: Schülerinnen und Schüler erforschen ihr Quartier, Studierende arbeiten mit Kommunen an nachhaltigen Stadtstrategien.
Als URBACT Good Practices wurden Beispiele in Düsseldorf, Kiel Region, Flöha und München ausgezeichnet.
Aus diesen markanten Beispielen könnten auch für Saarbrücken wichtige Entwicklungsperspektiven abgeleitet werden. Als Universitäts- und Grenzstadt verfügt Saarbrücken über kulturelle und bildungsbezogene Ressourcen, die bislang nur punktuell in eine integrierte Stadtentwicklungsstrategie eingebunden sind. Projekte wie das geplante Messe-, Kongress- und Kulturforum (CongressCultureCity), der Bildungscampus Saarland, der Eurobahnhof, die Museums- und Theatermeile, der Osthafen, Alt-Saarbrücken mit der htw könnten davon profitieren wie auch die Einrichtung von quartiersbezogenen Kultur- und Bildungszentren in Malstatt und Burbach als niedrigschwellige Begegnungs- und Lernorte (Modelle gibt es im Ruhrgebiet). Schließlich könnte auch die Grenzlage zu Frankreich verstärkt genutzt werden, um über Kultur und Bildung gezielt europäische Ressourcen zu erschließen, um bilinguale Bildungsangebote und Kulturformate oder transnationale Jugend- und Kreativprojekte zu entwickeln und zu stärken.
Titelbild: Das Paulinum der Universität Leipzig © Foto: Yair Haklai, Wikimedia Commons



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