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„Wo Kultur lebt, wird kontrovers diskutiert, reflektiert und argumentiert“ – Luxemburgs Kulturminister Eric Thill im Gespräch

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Das Gespräch führten Eva-Maria Reuther und Kurt Bohr

Kulturangebote müssen für alle erreichbar sein, sagt Luxemburgs Kulturminister Eric Thill. Seit November 2023 ist der Minister im Amt. Jetzt hat er sozusagen Halbzeit. Mit OPUS sprach der Kulturpolitiker über den nationalen Aktionsplan „Zugang zur Kultur“, über die unverzichtbare Freiheit der Kunst und die Notwendigkeit von Kultur.

OPUS: Herr Minister, Sie haben jetzt sozusagen Halbzeit, wenn man die aktuelle Wahlperiode betrachtet. Was hat sich seit Ihrem Amtsantritt als Kulturminister Luxemburgs geändert?

Eric Thill: Seit meinem Amtsantritt hat sich vor allem die Art und Weise verändert, wie wir Kulturpolitik verstehen und gestalten. Wir sind oft auf dem „Terrain“ unterwegs, in allen Bereichen des kulturellen Lebens und stehen im regelmäßigen Austausch mit den Kulturschaffenden. Wir haben unsere Mannschaft hier im Ministerium aktualisiert, und wir haben klare Prioritäten definiert. 

Welche sind das?

Eine der größten Prioritäten ist der verbesserte Zugang zur Kultur. Dazu haben wir den nationalen Aktionsplan „Zugang zur Kultur“ erarbeitet, den wir in den nächsten Jahren schrittweise umsetzen werden. Er enthält sieben Prioritäten und ist in 33 Ziele mit konkreten 99 Maßnahmen unterteilt. Damit möchten wir das kulturelle Angebot sichtbarer machen, die Kultur verstärkt in alle Regionen des Landes bringen, die Kommunikation verbessern und Barrieren abbauen, damit alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen am kulturellen Angebot teilhaben können. 

Im Vergleich zu anderen Ländern wird in Luxemburg schon bisher vorbildlich in die kulturelle Infrastruktur und in Kulturzentren selbst an kleinen Orten investiert …

Ja, genau. Luxemburg hat über die letzten Jahrzehnte erheblich investiert. Allerdings haben wir zum Beispiel im Norden immer noch eine Region, wo es an Infrastrukturen fehlt. Als Minister ist mir natürlich weiterhin wichtig, dass hier in der Stadt Luxemburg Kultur aktiv gelebt wird. Über das Mudam und die Philharmonie haben wir ja bereits bei unserem letzten Interview gesprochen. Aber wir haben in Luxemburg eben eine sehr vielfältige Kultur, die vor allem in den Regionen, also auch dezentral, noch weiter gestärkt werden muss. Ich bleibe dabei, dass die Kultur auch in den Regionen gelebt wird, nicht nur hier in der Hauptstadt. Dort, wo die Menschen leben, fängt alles an. Man kommt zusammen, um zu musizieren, beim Laientheater, im Sprachcafé, beim Pflegen der Traditionen. 

Wie haben Sie den Bedarf ermittelt? 

Wir haben zunächst eine Analyse gemacht, um zu sehen, wo Bedarf an Verbesserung ist. Dazu haben wir durch ILRES (das Nationale Meinungsforschungsinstitut, Anm. d. Red.) Umfragen machen lassen. Wir haben zum Beispiel gefragt: „Was ist Ihr Zugang zur Kultur, was ist gut und was könnte, was müsste man noch verbessern?“ 

Was ist dabei herausgekommen?

Es hat sich zum Beispiel gezeigt, dass wir in den Regionen Norden und Osten noch Defizite an kultureller Infrastruktur haben. Weiterhin haben die Leute bestätigt, dass wir ein gutes kulturelles Angebot in der Stadt Luxemburg haben, was auch begrüßenswert sei. Ein Teil der Befragten hat sich allerdings zusätzlich gewünscht, dieses Angebot auch dezentral, außerhalb der Hauptstadt, zu verstärken. Wenn wir vom Zugang zu Kultur sprechen, ist ein weiteres großes Problem die Kommunikation. Hier in Luxemburg haben wir die Luxemburger Sprache sowie Deutsch, Französisch, Englisch und mehr. Wir haben hier eine Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt, denen im kulturellen Angebot noch nicht genügend Rechnung getragen wird. Auch da muss das Angebot verbessert werden. Die Verbesserung der Kommunikation mit dem Ziel eines vereinfachten Zugangs zur Kultur ist daher ein weiterer Schwerpunkt unseres Aktionsplans. Weitere Schwerpunkte sind das Schulwesen und die Kulturvermittlung. Wir möchten zudem künftig die Denkmalpflege und die Gemeinden stärker bei der Umsetzung unseres Aktionsplans einbinden. Bei der Verbesserung des Zugangs zur Kultur geht es vor allem um die Stärkung der sozialen Kohäsion.

Haben Sie auch Kunstschaffende und Kulturinstitutionen mit in die Umfrage einbezogen? 

Ja, wir haben auch unsere 21 staatlichen Kulturinstitutionen, darunter das Mudam, die Philharmonie und andere Kulturhäuser, sowie 150 Kultur-Akteure befragt, was wir konkret besser machen könnten. Ich bin jedenfalls jetzt sehr froh, dass nach 18 Monaten ein Aktionsplan auf dem Tisch liegt. Ich denke im Übrigen, dass unsere Maßnahmen auch die Kulturszene nochmal ankurbeln werden. Auch darum geht es.

Schon bei unserem Gespräch nach ihrem Amtsantritt haben Sie erklärt, dass die Kultur für Sie nicht in erster Linie Wirtschaftsfaktor sei, sondern Grundlage und Resonanzraum einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft. Bleiben Sie dabei?

Absolut. Gerade in diesen Zeiten, mit all den Herausforderungen und Differenzen, die wir auf der Welt, in unserem Land und in der Großregion haben, sehen wir, dass Kultur kein Luxus ist, sondern dass die Gesellschaft Kultur braucht. Wir sehen, dass Kultur verbindet und Menschen zusammenbringt. Und was ganz positiv ist: Kultur bildet. Aber vor allem hinterfragt sie und legt den Finger in die Wunde. Wo Kultur lebt, wird kontrovers diskutiert, reflektiert und argumentiert. Das ist wichtig. Wir haben gerade ein schönes Beispiel dafür bei der Biennale in Venedig. Der Titel der Ausstellung im Luxemburger Pavillon ist „La Merde“. 

Das klingt provokant …

Ja, das ist provokant. Und viele Leute sind damit auch nicht einverstanden. Schon das zeigt, wie sehr der Titel provoziert. Dabei hat die belgisch-luxemburgische Künstlerin Aline Bouvy, die längst international anerkannt ist, eine sehr eindrucksvolle Installation geschaffen. Mit dem Titel wird auf etwas hingewiesen, das irritiert und womit man vielleicht zunächst nichts anfangen kann. Hört man sich aber an, was die Künstlerin dazu zu sagen hat, und was ihre Ideen sind, macht das alles Sinn. Und man versteht, dass die Themen Frauenrechte und Gleichberechtigung hier aus einer ganz anderen Perspektive angesprochen werden und in einem ganz neuen Licht erscheinen. Das muss man den Leuten erklären. Und das werden wir jetzt auch bis zum Ende der Biennale tun. Mir zeigt das jedenfalls wieder einmal sehr direkt, was Künstler und Künstlerinnen mit ihrer ganz eigenen Sprache und Ausdrucksform erreichen können. Es ist wichtig, dass sich die Politik da nicht einmischt. 

Leider gibt es aber derzeit vielerorts in Europa Tendenzen, die Freiheit der Kunst durch die Politik einzuschränken. Sie sind also auch der Ansicht, dass die Freiheit der Kunst garantiert bleiben muss?

Ja, unbedingt. Dass wir eine Meinungs- und Pressefreiheit haben, ist gerade in diesen Zeiten sehr wichtig, ebenso wie die Freiheit der Kunst und der Kunstschaffenden. Diese Freiheit, die wir hier in Luxemburg haben, ist oberstes Gut. Sie zu erhalten, ist etwas sehr Wichtiges, gerade in diesen Zeiten. Da hat man als Kulturpolitiker, als Minister, eine sehr große Verantwortung, dass man die künstlerische Freiheit nicht in Frage stellt, sondern sie stärkt.

Kultur bildet, haben Sie zu Recht gesagt. Die Forschung bestätigt, dass der Umgang mit Kultur das Denken und die Entwicklung der Persönlichkeit fördert. Sollte da nicht musische und kulturelle Bildung verstärkt im schulischen Unterricht verankert sein? Nicht zuletzt zum Schutz der Demokratie?

Das ist ein weiterer Schwerpunkt unseres Aktionsplans, bei dem wir aktuell schon verschiedene konkrete Maßnahmen vorweisen können. Es gibt das Programm „Kulturama“ hier in Luxemburg, das den Schulen die Möglichkeit bietet, Künstlerinnen und Künstler in die Schule einzuladen. In verschiedenen Themenwochen kommen dabei Künstlerinnen und Künstler in Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern. Dabei musizieren sie und machen Kunst. Es geht einfach darum, dass die Schülerinnen und Schüler mit Kultur in Kontakt kommen. 

Sie wissen sicher auch, dass seit 2022 der Musikunterricht hier in Luxemburg gratis und damit für alle zugänglich ist. Das ist ein Anfang, aber ein wichtiger Big Step in die richtige Richtung. Derzeit sind wir in Diskussionen mit dem Bildungsminister, wie wir die Kultur noch weiter in der Schule und im Schulprogramm festigen können – das ist eine Herausforderung. Als früherer Bürgermeister weiß ich, wie schwierig es ist, die Kultur, Musik und Tanz in ihrer ganzen Vielfalt, im täglichen Schulprogramm zu verankern. 

Sie haben die Kultur einmal geradezu poetisch als „Softpower“ bezeichnet. Aber kann sie nicht auch ein sehr harter Job sein? 

Als ich von Kultur als „Softpower“ gesprochen habe, habe ich das in Hinblick auf internationale Beziehungen gemeint. Wo man merkt, dass die Beziehungen mit verschiedenen Ländern auf Eis liegen und man wenig bis keine diplomatischen Kontakte mehr hat, da hat man über die Kunst, die Kultur, über Konzerte, Gesang, Ausstellungen, Filme, die Möglichkeit, wieder zueinander zu finden. Da gibt es auch in Luxemburg verschiedene Projekte, bei denen wir in diese Richtung arbeiten. Wie ich schon sagte: Kultur verbindet, sie bringt Leute wieder zusammen. Sie haben sicher auch in Deutschland die Debatten mitbekommen, als im letzten Jahr das Israel Philharmonic Orchestra ein Konzert gab. (Israelkritische Aktivisten wollten das Konzert verhindern, Anm. d. Red.) 

Das ist für mich ein wichtiges Beispiel, was für eine Bedeutung Kultur hat. Da sind wir wieder bei der Kultur als Softpower, zu der ich stehe. Die Kunst ist frei. Es ist nach meiner Meinung nicht am Kulturminister zu sagen: „Israel: nein.“ Das Israel Philharmonic Orchestra hat wenig bis nichts mit Politik zu tun. Die Kultur politisch zu zensieren, sodass man nicht mehr gemeinsam musizieren kann, das geht nicht. Im Übrigen sind unsere Kulturinstitutionen wie Philharmonie, Mudam, Casino oder Nationalmuseum in ihrer künstlerischen Programmation frei.

Was halten Sie davon, dass sich neuerdings in Deutschland und anderswo wieder Künstlerinnen und Künstler politisch oder ideologisch ausweisen müssen? In der bisherigen Tradition war das Kunstwerk autonom und Werk und Künstler zu trennen …

Diese Trennung unterschreibe ich zu 100 Prozent. Man kann unterschiedlicher Meinung sein und man kann diskutieren. Aber man muss die Kultur Kultur sein lassen. Und man muss den Kreativen den kreativen Raum, die Freiheit lassen. Und man fängt nicht, gerade in diesen Zeiten, an, die Kultur zu beschneiden und Grenzen zu setzen. Wir haben hier in Luxemburg unsere Verfassung, in der verschiedene Grundprinzipien und Werte stehen. Ich bin im Übrigen ein Freund davon, sich gemeinsam an den Tisch zu setzen und zu argumentieren und zu diskutieren.

Wenn es um Freiheit, Reflektieren und Argumentieren geht, stellt sich auch die Frage nach der Rolle von Künstlicher Intelligenz. Welche Rolle spielt KI in Ihrem Ressort und wie weit kann sie nach Ihrer Meinung in die Kulturlandschaft eingebunden werden?

Ich bin da immer sehr deutlich. Die KI spielt nicht nur in der Kunst und Kultur, sondern in unserem ganzen gesellschaftlichen Leben eine große Rolle und sie wird eine immer größere Rolle spielen. Deshalb sage ich ganz klar: Man muss die KI nutzen, aber man muss sie auch kontrollieren und ihr Grenzen setzen. Die KI kann durchaus im Kunstbereich und in der Kultur helfen. Ein gutes Beispiel ist der Film.

Wo Korrekturen gemacht werden müssen, wo man über die KI auch in der Produktion die Abläufe vereinfachen und effizienter gestalten kann, da gibt es sehr schöne, wichtige Beispiele für den gelungenen Einsatz von KI, die man auch positiv hervorheben sollte. Aber es kann nicht sein, dass in Zukunft die KI das kulturelle Schaffen ersetzen wird. Wir wollen die KI unterstützend einsetzen, mit dem Menschen im Mittelpunkt.

Kommen wir zum Schluss nochmal zum Geld. Überall in Deutschland werden die Ausgaben für Kultur gekürzt. Wie sieht das bei Ihnen aus? Können Sie Ihre Standards halten? 

Für Luxemburg würde ich ganz klar sagen: Wenn man an der Kultur sparen müsste, dann wäre das eine Katastrophe für die Luxemburger Gesellschaft. Das sind nicht immer einfache Diskussionen, die wir mit dem Finanzministerium führen. Aber dazu bin ich ja da. Das ist meine Aufgabe und Verantwortung. Ich bin guter Dinge, dass bei der Kultur auch im Jahr 2027 nicht gespart wird, sondern weiter der Kultur die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden, um die kulturelle Vielfalt des Landes auch weiterhin zu erhalten und leben zu lassen. Das wäre auch nicht gut für die Großregion. Ich weiß, dass sehr sehr viele Leute, und das freut uns besonders, aus der Großregion nach Luxemburg kommen, aus Belgien, Deutschland, Frankreich und dabei auch von unserer Luxemburger Kultur im Alltag profitieren.

Bild © Kary Barthelmy

Filed Under: Allgemein, Kulturleben

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