
Bild © Ryoji Iwata
Von Magdalena Lambert
Wir alle haben nur eine begrenzte Lebenszeit, die noch weiter dezimiert wird, wenn wir den viel zu kurz kommenden Schlaf und die Stunden, die wir uns vor Bildschirmen zudröhnen, wegsubtrahieren. In diesem kurzen Leben, das wir zu allem Übel nicht in der besten aller möglichen Welten verbringen, liegt es nahe, oder auch nicht, sich mit quälenden Fragen selbst zu kasteien:
Brennen die Feuer in Los Angeles, weil ich einmal zu viel ins Flugzeug gestiegen bin?
Geht der Krieg zwischen der Ukraine und Russland weiter, weil ich mein Geld in den Konzertbesuch einer russischen Pianistin – die vermeintlich gar nicht auftreten sollte – investiert habe?
Bin ich verantwortlich für das Hungerleiden tausender Menschen, wenn ich meinen entkoffeinierten Dirty Chai Latte mit Hafermilch nicht austrinke?
In Anbetracht der aktuellen Weltlage passiert es schnell, dass man sich in den Untiefen überbordender Probleme verstrickt und zu einem ernüchternden Ergebnis kommt: Als Einzelperson geht die Wirkung des eigenen Handelns gefühlt gegen Null. Paradoxerweise ist der Einfluss der gesamten Weltbevölkerung, die sich lediglich aus einer Vielzahl genau dieser einzelnen Menschen zusammensetzt, unglaublich mächtig. Wie kann man also das Dilemma lösen, sich als Einzelperson machtlos zu fühlen, aber gleichzeitig zu wissen, dass das eigene Handeln, gesehen als Teil des großen Ganzen, die gesamte Erde und ihren Fortgang beeinflusst?
Anstatt uns nun beim eigenen Schopfe zu packen und die Dinge anzugehen, die in unserem Wirkungskreis liegen, ist es erst einmal leichter, in der Opferrolle zu verharren, in der man Verantwortung Außenstehenden und äußeren Umständen zuschiebt – der Chefin, dem Partner, der Lebensmittelindustrie, der Politik –, anstatt sich seiner eigenen Kompetenzen zu ermächtigen. Leider sorgt Wilhelm Schmid in seiner „Philosophie der Lebenskunst“ für Ernüchterung bei allen, die die (fehlende) Gestaltung ihres eigenen Lebens allen und allem anlasten, außer sich selbst: Wenn wir ihm glauben, sind es nicht die äußeren Umstände, die unser Leben bestimmen, sondern das, was wir daraus zu machen in der Lage sind.
Der letzte Ausweg, um sich aus der Misere der Verantwortung zu ziehen, ist der Joker der Unwissenheit – doch auch beim Erwägen dieser Herangehensweise muss der Philosoph Hans Jonas enttäuschen: „Prinzipiell ist man verantwortlich für das, was man anrichtet. Das heißt: Verantwortung ist mit Macht verbunden, mit der Fähigkeit, den Gang der Dinge zu beeinflussen und mitzubestimmen. Nun, für Wissen oder Unwissen ist man selbst mitverantwortlich. Denn man kann ja etwas dafür tun, dass wir das Richtige wissen“, machte er einmal im Interview mit Wolf Scheller deutlich.
Um Verantwortung für uns selbst, aber auch für andere zu übernehmen, müssen wir einen schweren Weg auf uns nehmen, der mit Hinschauen anfängt und bei selbstbestimmtem Handeln ankommt. Das ist unbequem, gibt es doch in allen Bereichen vermeintliche ExpertInnen, an die wir uns zu wenden gelernt haben, um uns von der Last der Selbstverantwortung zu befreien. Wenn aber jede einzelne Person ihre Eigenverantwortung anerkennt, können wir zu mündigen ZeitgenossInnen wachsen, die, um es mit Kant zu halten, Mut haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Durch dieses kollektive Sorgetragen wird Verantwortung nicht zu einer Last, die uns zwangsläufig bei Nichterfüllung schuldbeladen zurücklässt, sondern zu einem Handlungsspielraum und Geschenk des Erwachsenseins.
Neben all dem Aktivismus und Gutmenschentum, zu dem ich Sie nun vermutlich – nicht – mobilisiert habe, meint Eigenverantwortung auch, die Grenzen des persönlichen Einflussbereichs zu erkennen und die eigene Energie nur für Dinge einzusetzen, die in der Macht der oder des jeweils Einzelnen stehen. Dieser Balanceakt zwischen wagemutigem Handeln und weiser Zurückhaltung ist vortrefflich im Gelassenheitsgebet des US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr formuliert, das als Wegzehrung für die kommenden Wochen dienen soll – auch für Atheisten geeignet, die ihre Selbstverantwortung nicht an eine höhere Macht abzugeben gedenken:
Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.