
Von Ines Zerfass
Die drei jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz bildeten seit dem Mittelalter den einzigartigen Verbund SchUM – benannt nach den Anfangsbuchstaben ihrer hebräischen Städtenamen Schpira, Warmaisa und Magenza. Die Gemeinden wurden zu bedeutenden Zentren jüdischer Gelehrsamkeit und prägten Architektur, Recht, Religion und Kultur des aschkenasischen Judentums weit über die Region hinaus. Seit 2021 gehören Synagogen, Ritualbäder und Friedhöfe der drei Städte als „SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz“ zum UNESCO-Welterbe. Noch bis Ende November holen die SchUM-Kulturtage dieses Erbe mit Konzerten, Lesungen, Vorträgen und Führungen in die Gegenwart.
Mainz: Ein neuer Zugang zum Judensand
Eine der wichtigsten Neuerungen des SchUM-Jahres 2026 ist von Dauer: Anfang September wurde am Alten Jüdischen Friedhof „Judensand“ das neue Sali-Levi-Haus eröffnet. Das erste Besuchszentrum im Welterbe SchUM-Stätten schafft einen neuen Ort für Information, Begegnung und Vermittlung. Eine Dauerausstellung führt in die Geschichte des mittelalterlichen Magenza ein und zeigt die Bedeutung der Mainzer jüdischen Gemeinde für das europäische Judentum. Von seiner erhöhten Lage ermöglicht das Haus zudem einen besonderen Blick auf den Judensand, eine der ältesten und bedeutendsten jüdischen Begräbnisstätten Europas.
Auch im November geht das Mainzer Programm weiter. Am 5. November stellt der Judaist Andreas Lehnardt Genisa-Funde aus Rheinland-Pfalz vor – religiöse Schriften und Gegenstände, die über lange Zeit in ehemaligen Synagogen aufbewahrt wurden. Am 8. November erinnern ein Kammerkonzert in der Synagoge Weisenau und am folgenden Tag die Gedenkfeier in der Neuen Synagoge an die Novemberpogrome von 1938.
Der Judensand selbst steht am 18. November wieder im Mittelpunkt: Im Sali-Levi-Haus sprechen Frank Teske und Uwe Bergmann-Deppisch über 100 Jahre Denkmalfriedhof. Einen Tag später verbindet eine Lesung über jüdische Mitglieder des 1. FSV Mainz 05 Stadt- und Sportgeschichte. Am 22. November wird beim internationalen Mitzvah Day ganz praktisch erinnert: In Mainz werden Stolpersteine gereinigt. Ein Konzert der Villa Musica in der Neuen Synagoge beschließt den Tag. Zum Abschluss der Mainzer Kulturtage führt Nils Friedrich am 29. November auf den Spuren jüdischer Mitglieder des Fußballvereins Mainz 05 durch die Stadt.
Worms: Literatur, Musik und jüdische Gegenwart
In Worms reicht der Blick vom mittelalterlichen Erbe bis weit in die jüdische Gegenwart. Am 3. November geht ein Vortrag im Museum Raschi-Haus der Frage nach, wie sich der Umgang mit den SchUM-Stätten zwischen Historismus und Musealisierung verändert hat. Einen Tag später lädt das SchUM-Lab unter dem Titel „Jüdisches Leben heute“ zum offenen Austausch ein. Musikalisch wird es am 5. November mit „Shtoltse Lider“, zwei Tage später liest Anja Reumschüssel aus „Über den Dächern von Jerusalem“.
Am 9. November erinnert Worms mit einer öffentlichen Gedenkveranstaltung auf dem Synagogenplatz an die Novemberpogrome von 1938. Ein besonderer Termin folgt am 10. November: In der Frauensynagoge wird ein Faksimile des berühmten Wormser Machsor an die Jüdische Gemeinde übergeben. Die mittelalterliche Handschrift gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen der jüdischen Kultur von Worms.
Mit Max Czollek und Maya Arad rückt anschließend die zeitgenössische Literatur in den Mittelpunkt. Czollek liest am 11. November im SchUM-Lab aus seinem Debütroman „Zweifelssohn“, einem literarischen Blick auf jüdische Gegenwart in Deutschland. Am 13. November folgt die israelische Schriftstellerin Maya Arad mit „Kinderwunsch“, einem Roman über Lebensentwürfe, Einsamkeit und die Frage nach dem persönlichen Glück. Den musikalischen Schlusspunkt setzen am 14. November Daniel Kahn und Christian Dawid. In „UMRU / Unrest“ verbinden sie jiddische Traditionals und neue Kompositionen mit musikalischen Bearbeitungen von Georg Kreisler bis Tom Waits.
Speyer: Klezmer, Hannah Arendt und jüdische Identität
Auch Speyer konzentriert sein Novemberprogramm auf die Verbindung von Geschichte und Gegenwart. Den Auftakt macht am 1. November eine Führung durch die Synagoge Beith Schalom und das jüdische Gemeindezentrum. Am 4. November bringt das Trio Stetl Tov in der Stadthalle Melodien aus dem reichen Repertoire der aschkenasischen Juden zu Gehör – von nachdenklichen Liedern bis zu bekannten und neu entdeckten Klezmermelodien.
Mit „Hannah Arendt: Denken ist gefährlich“ folgt am 6. November ein filmisches Porträt einer der bedeutendsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Originalzitate aus Essays und Briefen, gesprochen von Nina Hoss, treffen dabei auf Archivaufnahmen und zeichnen Arendts Weg durch Exil, Nationalsozialismus und Holocaust nach. Am 9. November erinnert Speyer gemeinsam am Gedenkstein der ehemaligen Synagoge in der Hellergasse an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.
Wie vielfältig jüdische Identität sein kann, zeigen die letzten Veranstaltungen der Speyerer Kulturtage. Am 12. November verbindet Stéphane Daniel Bittoun in „Jews Undercover“ Lesung, Film, Schauspiel und Humor zu Geschichten über Identität, Anpassung und Überleben. Einen Tag später liest Tanya Raab aus „Shalom“ und erzählt über sichtbares jüdisches Leben in Deutschland jenseits gängiger Klischees. Den Abschluss bildet am 15. November Oberkantor Shmuel Barzilai in der Synagoge Beith Schalom mit Kantoralgesang, Klezmer sowie jiddischer und israelischer Musik.
Die SchUM-Kulturtage führen damit nicht nur zurück zu den Ursprüngen einer mehr als tausendjährigen jüdischen Geschichte am Rhein. Gerade das Novemberprogramm zeigt, dass SchUM kein abgeschlossenes Kapitel des Mittelalters ist: Jüdisches Leben in Speyer, Worms und Mainz ist Geschichte und Erinnerung – aber ebenso Literatur, Musik, Debatte und Gegenwart.
Das gesamte Programm der SchUM-Kulturtage finden Sie unter schumstaedte.de
Foto: SchUM Besuchszentrum © Carsten Costard



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