
Dialogues des Carmélites von Francis Poulenc
Eine insgesamt bestens gelungene Opernpremiere
Magdalena Lambert
„Wenn Sie erlauben, möchte ich in den Karmel eintreten“, bittet Blanche (Margot Genet), ihren Vater, den Marquis de la Force (Stefan Röttig)). „Die Welt“ sei für sie „nur ein Element“, in dem sie „nicht leben kann“, denn die Angst klebt an ihrer Haut „wie eine wächserne Maske“. Und damit ist Blanches Schicksal besiegelt und eine abendfüllende Geschichte, genährt von Schmerz und Unsicherheit, aber auch Hoffnung, entspinnt sich: „Was die Zeit taugt, in der wir leben, ich weiß es nicht“, äußert die Protagonistin, „es sieht so aus, dass die guten und stillen Zeiten vorbei sind.“ Genet, aber auch alle SolistInnnen und der Chor singen und spielen auf höchstem Niveau, herausragend: die glasklare Stimme von Bettina Maria Bauer, die mit Schwester Constance eine der weiteren Hauptfiguren verkörpert, steht wie ein Polarstern am Himmel des sonst so düsteren Abends. Zusammen mit Genets ebenso ausdrucksstarkem Gesang entsteht etwa zu Beginn des zweiten Aktes bei der Totenwache für die verstorbenen Priorin Madame de Croissy (Hanna Dóra Sturludóttir) ein intensiver Moment des Verwebens beider Stimmen. Seufzende Celli und alarmierte Blechbläser machen auch den Orchestergraben nicht zum Nebenschauplatz der Oper, sondern zum Quell aller sich reibender und auflösender Harmonien. Sébastien Rouland leitet das Orchester mit gewohnter Souveränität und lässt die grandiose Musik aus Poulenc’s Partitur, die ganz ohne Arien auskommt, sehr ausdrucksstark und eindrucksvoll erklingen.
Eine Aufführung, die nahegeht – zum einen körperlich, durch die einfallsreiche Ausdehnung in den Zuschauerraum hinein und die äußerst ästhetische Kombination aus Bühnenbild, Requisiten und Kostümierung, die in ihrem reduzierten Wesen die kontrastreichen Elemente umso deutlicher hervortreten lässt: Fließende Vertikalen in den schwarzen, umrahmenden Vorhängen und den gedeckten Roben der Karmelitinnen; geometrische, ordnende Horizontalen der stets präsenten Bücherregale und der sich bewegenden Plattform; ein Licht, das stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Zum anderen geht die Oper emotional sehr nahe: Michael Schulz‘ Inszenierung von ‚Dialogues des Carmélites‘ steht im Spannungsfeld der ganz großen Gefühle, in der bei den ProtagonistInnen mal echte Tränen fließen, mal pure Verzweiflung offenbar wird und mal eine solche Angst, die bis in die Knochen kriecht. So schnell Abschütteln lassen sich diese Emotionen nicht, enthält das Libretto doch nicht kurzlebige Phrasen, sondern tiefgreifende, das Innere stärkende Lebensweisheiten wie „Es ist kein Unglück, verachtet zu werden, sondern sich selbst zu verachten.“ oder „Aber wenn einem der Mut so kläglich fehlt, sollte man wenigstens Haltung bewahren.“ Mehr noch als die Karmelitinnen von 1794 sollten wir uns dies in der heutigen Zeit zu Herzen nehmen.
Lang anhaltender und begeisterter Beifall.



Schreibe einen Kommentar