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Kritik: Zwischen Gänsehaut und Erschrecken – „Cabaret“ am Saarländischen Staatstheater

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Von Burkhard Jellonnek

Es gab Zeiten, da war es eher eine Marketing-Idee, den Musical-Klassiker „Cabaret“ auf den Spielplan zu bringen. Die Feinde der Demokratie waren eher die Schmuddelkinder, mit denen kaum einer etwas zu tun haben wollte. Aber schon vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt zeigte sich erschreckend, dass rechtsextremes Gedankengut salonfähig geworden ist und längst Wählerstimmen sichert.
Schauspieldirektor Christoph Mehler interessiert sich am Saarländischen Staatstheater für die Sollbruchstellen zwischen Demokratie und Diktatur gestern wie heute. „Berlin Alexanderplatz“ will er Mitte der aktuellen Spielzeit herausbringen, „Cabaret“, den Publikumserfolg, Buch von Joe Masteroff, Songtexte von Fred Ebb zur Musik von John Kander, ab sofort für viele Monate im Großen Haus des Saarländischen Staatstheaters.

Kit-Kat Club Girls & Boys, Jan Hutter (Projektion) © Stefano Di Buduo, SST

Und Mehler weiß, was die Stunde geschlagen hat: er geht all in! Keine Grande Gala, keine Ausstattungsschlacht, kein gefälliger Bilderbogen der Berliner Schwulenszene der beginnenden 1930-er Jahre. Mehler reduziert, sein Bühnenbildner und Video-Einspieler Stefano Di Buduo muss mit mobilen Treppengeländern auskommen, die zur Show-Bühne für den Berliner Kit-Kat-Klub werden. Natürlich bleiben die mitreißenden Songs, bisweilen jüdisch anmutend, aber Mehler macht mit zunehmender Spielzeit dieses fast dreistündigen Theaterabends deutlich, wie schnell in diesem Schmelztiegel, bei diesem Tanz auf dem Vulkan die Stimmung umkippt. Clifford Bradshaw, den Raimund Widra als ein sehr bewegliches Alter Ego des historisch in Berlin auslebenden Schriftstellers Christopher Isherwood anlegt, muss erleben, wie seine anfängliche Freundschaft mit dem blonden Hünen Ernst Ludwig (aalglatt Nicolai Gonther) ihn der Verfolgung seiner Schläger preisgibt: er verlässt Deutschland, solange es noch möglich ist. Mehler zeigt, dass die Machtübernahme der Nazis von Stund an alle Lebensgeschichten um den Kit Kat-Klub verändert hat. Das beginnt bei der scheinbar traumhaften Karriere der Sally Bowles, mitreißend interpretiert von Louisa von Spies, die ihre Liebe zu Bradshaw nicht mehr ausleben kann und nicht erkennen will, dass die Nazis auch dem flirrenden, exzentrischen Clubleben die Luft zum Atmen abdrehen werden, sie treibt ihr gemeinsames Kind ab. Und da ist dann noch die zarte Liebe zwischen Fräulein Schneider, der zimmervermietenden Frau mit ungebremstem Berliner Mundwerk, und dem jüdischen Obsthändler, Herrn Schultz. Christiane Motter besticht mit unglaublicher Bühnenpräsenz, tanzt, singt, berlinert – ein Hochgenuss! Gregor Trakis sendet zarte Liebespfeile, die nicht nur die Ananas treffen, sondern mitten ins Herz der Vermieterin gehen. Doch unter Nazis ist für dieses deutsch-jüdische Paar kein Platz – schweren Herzens trennt man sich. Längst stimmen die Nazis mit ihren fahnenschwenkenden und nächtlichen Fackel-Aufmärschen veranstaltenden den neuen Sound an: „Tomorrow belongs to us“, lautet das Fazit der braunen Herren, die sich der neuen Zeit sicher sind: „Vaterland, erwache!“ Wer da im Publikum beim Premierenabend noch mitklatscht, dem gefriert die gute Laune später in den Adern. Mehler sammelt gerade nach der Pause viele Momente zwischen Gänsehaut und Erschrecken: diese Nazis wussten, was zu tun war. Wer ihren freundlichen Gesichtern auf den Leim ging, fürchtet jetzt um sein Leben. Jan Hutter als stimmlich überzeugender Conférencier kann davon ein brachiales Lied singen. Am Ende steht der Gute-Laune-Macher mit seiner eindringlich-unvergesslichen Stimme blutüberströmt da.

Gaby Pochert © Foto: Jennifer Hörr, SST

Ein großartiger Theaterabend, bei dem ein Extralob für Gaby Pochert nicht fehlen darf. Als wollte sie den ihr zugesprochenen, diesjährigen Schauspiel-Preis des Sponsorclubs noch unterfüttern, macht sie nicht nur auf der Bühne als Fräulein Kost eine bella figura, sondern glänzt mit ihrer Violine solistisch in der ohnehin spielfreudigen, ausdrucksstarken Kit-Kat-Club Band unter der Leitung von Christoph Icono. Fazit: Ein „Cabaret“ – zweifelsohne im einzig richtigen Moment! Nie war das Stück so wertvoll! Minutenlanger, euphorischer Beifall!

Informationen & Tickets:

https://www.staatstheater.saarland/detail/cabaret

Titelbild: Im Würgegriff der braunen Herren: Clifford Bradshaw (Raimund Widra) wird gegängelt von Ernst Ludwig (Nicolai Gonther) © Stefano Di Buduo, Saarländisches Staatstheaters

Filed Under: Kritik

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