
Von Christiane Magin
Herr Broucek macht einen Ausflug zum Mond und taucht ins tiefe Mittelalter ein, doch anfangen kann er mit all dem nichts. Ihn interessiert sein Schoppen Bier und Wurst mundet ihm ganz wunderbar. Letzteres finden die Künstler in der Mondkolonie abscheulich. Sie ernähren sich von Blumenduft. Schnell flüchtet er in sein sicheres Heim, ein Miniaturhaus in Manier des österreichischen Künstlers Erwin Wurm, das zur Zeitmaschine und Rakete wird, und als schützender Panzer fungiert. Und das, obwohl er sich auf dem Mond verliebt und fast heiratet. Aber auch im Mittelalter eckt der grantige Antiheld mächtig an, weil es dort in der erdigen Unterwelt um Jan Hus und Glaubensfragen geht. Für Gott lassen die Menschen dort ihr Leben gern. Herr Broucek begeht Fahnenflucht, denn sterben will er nicht. Nur knapp überlebt er sein Abenteuer. Oder war alles nur ein Traum?
Regisseur Yuval Sharon gelingt mit seiner Operninszenierung von Leos Janacek „Die Ausflüge des Herrn Broucek“ eine verrückte wie liebenswerte und einfühlsame Satire über die Bequemlichkeit der Menschheit, die durchdrungen ist von Tragik. Bühnenbildner Jon Bausor liefert großartige, fantastische Bilder, die Janeks Opernrealität treffend wiedergeben. Die Kulisse ist oft auf Gazestoff projiziert und gleicht einer Stadt aus kindlichen Bauklötzen.
Brouceks Haus erleidet auf dem Mond eine Bruchlandung – eine Hommage an den Science_Fiction_Film „Le voyage dans la lune“ von Georges Mélies. Und die Künstler gleichen kubistischen Skulpturen, durch die sie zwar durchschimmern, aber kaum ihr Gesicht zeigen. Ein großes Bravo an den Kostüm- und Bühnenbildner sowie auch an die Akteure, die in solch einer Kostümierung gekonnt agieren.
Eingebettet sind die Abenteuer in die Realität der 1980er Jahre, eine Art Utopie also, denn die Oper feierte am 23. April 1920 im Nationaltheater Prag Premiere. Dass sich der Regisseur zur aussergewöhnlichen Arbeit des Komponisten hingezogen fühlt, spürt man in jedem Moment. Die Geschichte, die der Oper zugrunde liegt, stammt allerdings aus Svatopluk Cechs Roman „Pravy Vylet Pana Broucka do Mesice“.
„Wir haben von Anfang an Herrn Brouceks Isolation betont“, erzählt der Regisseur. Das sei insofern wichtig gewesen, um zu erzählen, dass er in seiner eigenen Welt lebt, so wie so viele Menschen auch heute nicht dazu bereit seien ihre eigene Blase zu verlassen. Denn all diese Möglichkeiten, sie sich ihm für ein neues sinnerfülltes Leben bieten, schlägt er aus. „Seine Gesangslinien sind kantig und stehen im ständigen Gegensatz zum musikalischen Fluss der übrigen Figuren“, erläutert Yuval Sharon.
Das Bregenzer Premierenpublikum ist hingerissen von der stimmigen Inszenierung voller Leichtigkeit und unvorhersehbarer Momente, aber auch von der musikalischen Präzision der Wiener Symphoniker, des Prager Philharmonischen Chor und aller Akteure. Mit einem riesigen Applaus bedankt es sich bei den Künstlern. Die Operninszenierung ist ein vergnügliches Geschenk.
Titelbild: Szene aus Leos Janaĉeks „Die Ausflüge des Herrn Broucek“ © Seebühne Bregenz, Daniel Ammann



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