
Von Eva-Maria Reuther
Sich eine hübsche Melodie spielen, ohne dabei das Genick zu brechen, so wie der Fiedler auf dem Dach, darum geht es im Leben. Das wissen Tevje und die Bewohner seines jüdischen Schtetls. Halt bietet ihnen dabei die Tradition. Doch auch die kann den Wandel der Zeit nicht aufhalten, muss der ebenso arme wie gottesfürchtige Milchmann erfahren. Und aus der schönen Melodie wird bald das hässliche Geräusch von zerbrechendem Glas und brutaler Gewalt. Wir sind an diesem Abend in Anatevka, dem fiktiven ukrainischen Dorf im Zarenreich. Für das diesjährige Open Air des Theaters Trier auf dem Augustinerhof hat Ansgar Weigner das gleichnamige Musical, dessen Originaltitel „Fiddler on the Roof“ von Marc Chagalls berühmten Gemälde angeregt wurde, in traditioneller Erzählweise inszeniert. Das 1964 am Broadway in New York uraufgeführte Musical des Erfolgstrios Joseph Stein (Buch), Jerry Bock (Musik) und Sheldon Harnick (Gesangstexte), dem Sholem Alejchems Roman „Tevje der Milchmann“ zugrunde liegt, gehört zu den meistgespielten Werken seines Genres. Über 50 000 Menschen haben „Anatevka“ allein in der Spielzeit 2023/24 in Deutschland gesehen. An der Komischen Oper in Berlin hat es nach über 500 Aufführungen Kultstatus. Die Trierer Produktion verwendet die deutsche Übersetzung von Rolf Merz und Gerhard Hagen. Beratend stand dem Regieteam die jüdische Gemeinde zur Seite. Gleich eingangs ist klar: In Anatevka lebt man quasi aus dem Koffer. Eine Wand aus riesigen Schrankkoffern hat dazu Bühnenbildner Darko Petrovic auf der baumumstandenen Bühne errichtet. Sie stehen für jahrtausendlange Flucht und Vertreibung. Das sperrige Reisegepäck versinnbildlicht allerdings auch das seelische und geistige Gepäck, das jeder Jude mit sich trägt, und das neben der eigenen Geschichte und den Traditionen jüdischer Kultur auch die Erinnerung an Verfolgung, Schoah, Exil und Diaspora enthält. In und vor dieser Kofferfront lebt Tevje mit seiner Familie, der vom Reichtum träumt und seine liebe Not hat mit seinen aufmüpfigen Töchtern. Die haben nämlich in Sachen Eheschließung ihren eigenen Kopf oder besser ihr eigenes Herz, und wollen sich nicht länger dem väterlichen Willen und damit der Tradition fügen. Stattdessen geht es ihnen ganz neumodisch um Liebe. Und so heiratet die älteste Tochter Zeitel den armen Schneider Mottel, statt den reichen und alten Metzger Lazar, ihre Schwester Hodel folgt dem jungen Revolutionär Perchik in die Verbannung nach Sibirien, und Chava heiratet heimlich den jungen christlichen Russen Fedja, wofür sie verstoßen wird. Die Familie versöhnt sich. Gewaltsam endet hingegen das vermeintlich friedliche Zusammenleben zwischen Russen und Juden. Im Zuge eines zaristischen Pogroms werden die Einwohner von Anatevka, darunter auch Tevje und die Seinen, zum Verkauf ihrer Häuser gezwungen und aus ihrem Dorf vertrieben.
„Anatevka“ ist ein typisches Stück jüdischer Kultur. Eine (im Vergleich zur literarischen Vorlage) romantisierte Erzählung aus dem Leben osteuropäischer Juden im historischen Schtetl. Eine Geschichte erfüllt von Lebensfreude wie von Trauer. Von menschlicher Wärme, Komik und jenem jüdischen Witz, dessen Kennzeichen seine tiefgründige Selbstironie ist. Aber nicht nur das. Die Geschichte vom geplagten Tevje und seinem Dorf ist ebenso eine zeitlose Parabel vom Spannungsfeld zwischen Tradition und Fortschritt, von weiblicher Emanzipation, vom gefährdeten Gleichgewicht menschlicher Verhältnisse und ihrer Bedrohung durch Gewalt, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Vertreibung und eines in diesen Tagen neu entflammten Antisemitismus. Ansgar Weigner gelingt es, eine jüdische Geschichte zu erzählen und dabei gleichzeitig ihre Universalität gegenwärtig zu machen. Der Regisseur belässt das Stück im dörflichen Russland Anfang des 20. Jahrhunderts (Kostümbild Yvonne Forster) – Am Text entlang legt er ohne Überzeichnung eine temporeiche, mal witzige, mal anrührende Inszenierung vor, in der Spiel, Gesang, Chorszenen und choreografische Einlagen dynamisch wechseln, und die natürlich all die bekannten Ohrwürmer und Highlights enthält, wie „Wenn ich einmal reich wär“ und „Jente o Jente“ oder den spektakulären „Flaschentanz“.

Als Tevje ist Ansgar Schäfer ein liebenswerter, gläubiger, der Tradition verpflichteter Familienvater, der sich abrackert, mit seinem Gott spricht und unterm Pantoffel seiner Frau steht. Schäfer spielt mit großer Präsenz, ein wenig folkloristisch, bisweilen auch zu routiniert. Stephanie Theiß hält als seine Ehefrau Golde genau die Balance zwischen Hausdrachen und mütterlicher Herzlichkeit. Wenn am Ende Tevje die Liebe entdeckt oder seine Tochter für tot erklärt, bekommt der Abend Kammerspielqualität. Als selbstbestimmte Töchter gehen Joana Tscheinig (Zeitel) und Lara Rieken mit ihrem schönen Sopran als Hodel, sowie Anna Hirzberger als Chava ihren eigenen Weg. Als armer Schneider mit innovativem Unternehmergeist präsentiert sich Derek Rue als Mottel. Revolutionär Perchik (Patrick Nellessen) kämpft für neue Ideen und eine neue Zeit. In die homogene Glaubensgemeinschaft dringt als Christ der Russe Fedja (Yannick Sturm) ein. Als Heiratsvermittlerin Jente beweist Janja Vulvetić einmal mehr ihr komödiantisches Talent. Die Brücke zur Gegenwart schlägt der Fiedler auf dem Dach im Frack, dem zeitlosen klassischen Habit der Musiker. Er erinnert an die Skulptur „Fiddler on the Roof“ des ukrainischen Bildhauers Seifaddin Gurbanov. Francesco Aversano verleiht diesem Geiger, dem Sinnbild der labilen Balance des Lebens und seiner Wechselfälle, Eleganz und Ausdrucksvielfalt bis zum Diabolischen. Hinreißend: wenn er mit Tevje eine Art Pas de Deux aufführt. Dass dieses doch recht lange Stück kurzweilig bleibt, dazu tragen ganz entschieden in den Massenszenen die spielfreudigen eindrucksvollen Theaterchöre (Opernchor, Extrachor, Kinder- und Jugendchor) unter der Leitung von Martin Folz bei, sowie die fabelhaften Tänzerinnen und Tänzer der Ballett Company des Theaters Trier (Choreografie David Hartland). Und natürlich die Musik: Am Pult im angegliederten Zelt leitet Generalmusikdirektor Jochem Hochstenbach stilsicher und dynamisch das Philharmonische Orchester der Stadt Trier durch Melodie und Rhythmus der farbenreichen Partitur. Alles in allem: eine gelungene, lebendige und bewegende Inszenierung, zu deren berührendsten Szenen die Sabbat-Feier gehört. Etwas weniger realistisch hätte man sich die Prügelszene gewünscht, dafür szenisch etwas eindringlicher das schauerliche Geräusch des splitternden Glases.
Wenige Restkarten für die nächsten Aufführungen gibt es auf der Website des Theaters oder an der Abendkasse.
Weitere Aufführungen: 26., 27., 28., 29., 30.8., jeweils 19.30 Uhr, www.theater-trier.de
Titelbild: Das Ensemble der Aufführung „Anatevka“ © Foto: Martin Kaufhold



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