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Kritik: Am Untergang haarscharf vorbeigeschrammt – „Wir sind noch einmal davongekommen“ am Theater Trier

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Von Eva-Maria Reuther

Nette Leute diese Familie Antrobus mit ihrem gepflegten Eigenheim mit Vorgarten in bevorzugter Wohnlage. Zwar kommt Mr. Antrobus meist schlecht gelaunt nach Hause und macht dem weiblichen Personal Avancen, aber als Erfinder des Rads, des Alphabets und der Bierbrauerei, sowie wegen seiner Bibliophilie („verbrennt alles außer Shakespeare“) hat er sich unbestritten um die Menschheit verdient gemacht. Mrs. Antrobus, die Erfinderin der Schürze, kümmert sich derweil um Haus und Familie. Stets kampfbereit wirft Sohn Henry, eigentlich Kain (der Name wurde aus verständlichen Gründen geändert) mit Steinen, sobald ihm jemand dumm kommt und trifft todsicher, seinerzeit auch seinen Bruder Abel. Man weiß ja, welche Kollateralschäden die Erfindung der Erbsünde angerichtet hat. Kein Wunder, dass der Junge am Ende General wird. Musterschülerin Tochter Gladys (väterliches Erziehungsziel: Engel) hat es faustdick hinter den Ohren und als Schminke im Gesicht. Den Haushalt komplettiert Haushaltshilfe Sabina, eine ehemalige Muse des Hausherrn. Friedlich grasen vor dem Fenster die Haustiere Dino und Mammut.

Die beschriebene Durchschnittsfamilie befindet sich schließlich gerade in der Eiszeit und dazu in Thornton Wilders abgründiger Komödie „Wir sind noch einmal davongekommen“ (Originaltitel: „The Skin of our Teeth“). Mit der absurden menschheitsgeschichtlichen Revue gibt das Theaters Trier seinen Einstand im „Wechselwerk“, dem neuen Tufa-Anbau, der während der Sanierung des Theaters als Ausweichspielstätte dient. Die Inszenierung der gekürzten Fassung hat Tanju Girişken besorgt, der damit zum zweiten Mal in Trier Regie führt. Das 1942 uraufgeführte Familiendrama, mit dem Wilder seinen dritten Pulitzerpreis gewann, war nach 1945 das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Jahrelang war es dann still darum geworden. In diesen Zeiten globaler Krisen, in denen sich mancher fragen mag, wie wir wohl diesmal davonkommen werden, erscheint das Schauspiel über die Resilienz des Menschengeschlechts wieder auf den Spielplänen. Dass sich die Tragödie am besten durch Komödie vermitteln lässt, davon war Wilder überzeugt. Seine apokalyptischen Endzeitszenarien Eiszeit, Sintflut und großer Krieg (in Trier Atomkrieg) durch die sich das Ehepaar Antrobus (alias Adam und Eva) mit seinen Kindern kämpfen muss, immer haarscharf am Rand des Untergangs, bleiben bis heute gleichermaßen tragisch wie umwerfend komisch, und nach über 80 Jahren verblüffend aktuell. Aufgespießt werden mit den Stilmitteln der Moderne, Medienrummel, Infotainment, wichtigtuerisches Expertentum, das gängige Phrasendreschen von Funktionären und anderes. Die bereits vom Autor vorgesehene minimalistische Ausstattung macht das Stück für die kleine Bühne im Wechselwerk bestens geeignet. Eine Art Gebirgspanorama aus Dreiecken hat Ausstatterin Lisa Chiara Kohler auf die Bühne gestellt, auf deren Wände, Wilders Regieanweisungen entsprechend, Haus und Mitglieder der Familie Antrobus projiziert werden, und die variabel für Eisberge, Rednertribüne, Strandkorb und zuletzt für die Nachkriegstrümmerlandschaft stehen.

Die Familie Antrobus (v.l.) Mr. Antrobus (Harald Pilar von Pilchau), Tochter Gladys (Eva Stempel) Mrs. Antrobus (Barbara Ullmann), Sohn Henry( Aicha Bracht) © Benjamin Westhoff

Wie die Wochenschau berichtet, ist die Sonne pünktlich aufgegangen. Der Weltuntergang kann laut Fachexpertise also erstmal verschoben werden. Für den christlichen Humanisten Wilder ist neben Selbsterhaltungstrieb und Empathie die jahrtausendalte abendländische Kultur die Grundlage des menschlichen Fortbestands, worauf der herrlich anachronistische Kostüm-Mix verweist. Als antike Karyatide mit Staubsauger kommt Hausmädchen Sabina daher. Mit Pluderhosen, Wams und Halskrause gleicht Junior Henry einem Renaissance-Noblen, während Tochter Gladys im hellblauen Kleid mit weißem Kragen, wie aus einem Bilderbuch des beginnenden 20. Jahrhunderts aussieht. Eiszeitlich passend ist Mr. Antrobus im Pelzmantel über langen Unterhosen hinter der Haushaltshilfe her. Spiel verschränkt sich mit Spiel. Als Reflektion über die Schauspielkunst hat Wilder seiner Komödie das Meta-Drama einer Schauspielproduktion eingefügt. Gleich eingangs erfährt das Publikum von deren Spielleiter, dass man nicht spielen könne, weil nichts fertig sei. Es folgen ein paar Kalauer zur Finanzlage der Stadt Trier, über die das Publikum zuverlässig lacht. Später mault Schauspielerin Sabina „ich verstehe das Stück nicht“. Und bestimmte Sätze will sie mit Rücksicht auf Betroffene im Saal auf gar keinen Fall sagen. Einmal mehr legt Tanju Girişken eine flotte, temporeiche und weithin erhellende Inszenierung vor.

Bevor sich das Tempo leerläuft oder die Aufführung in Klamauk auszuarten droht, oder angesichts der dekorativen Sinnsprüche (etwa über den Wert der Familie) zur Weihefeier wird, schafft er rechtzeitig illusionsbrechend, den Absprung in die Meta-Ebene der Theaterproduktion, wo es immer wieder im Getriebe knirscht. Feministisch engagiert, tauscht Girişken die Rollen. In seiner Inszenierung wird Mrs. Antrobus die aushäusige Erfinderin, während Mr. Antrobus als Hausmann tätig ist. Der feministische Bildersturm führt sich allerdings selbst ad absurdum. Denn Wilders Drama ist substantiell ein feministisches Stück ohne Etikett. Die Erfinderin der Schürze ist hier mit ihrem unerschütterlichen Überlebenswillen und ihrer Empathie fraglos die stärkste Persönlichkeit des Dramas. Eine Frau, die zupackend die Dinge am Laufen hält, alle „Torheiten ihres Mannes“ kennt und nach der Katastrophe unverzüglich mit dem Aufräumen beginnt. Mit Girişkens vermeintlich emanzipatorischem Rollenwechsel übernimmt Maggie Antrobus nicht nur die Stärken der männlichen Figur, sondern auch ihre Schwächen, ihre Launenhaftigkeit und ihre Aufgeblasenheit. Wie im Originaltext ihr Mann, lässt sie sich in eine Beziehung mit Sabina ein und begründet mit ein paar modischen Platituden über ihre Selbstverwirklichung, warum sie die Familie verlässt. Bleibt festzuhalten: Frauen sind auch nicht die besseren Männer.

Barbara Ullmann spielt diese Mrs. Antrobus mit dem ihr eigenen unermüdlichen Engagement. Harald Pilar von Pilchau ist als ihr Ehemann ein souveräner, liebevoller und wohltuend gelassener George Antrobus. Überhaupt ist die Spielfreude des Ensembles mitreißend. Der Star des Abends ist Susanne Schieffer als Sabina. Mit herrlich komödiantischem Talent ist sie aufmüpfiges Hausmädchen, Verführerin und berechnende Überlebenskünstlerin. Als völlig überkandidelte Medienfrau und Wahrsagerin glänzt Joana Tscheinig. Zwischen Widerstand und Anlehnung bewegt sich Eva Stempel als Gladys. Ein genervter Spielleiter Fitzpatrick ist Martin Geisen. Als Henry läuft Aicha Bracht im dritten Akt als desillusionierter, aus dem Krieg heimkehrender General, der einzig der Gewalt vertraut, zur großen Form auf. Wenn sie aufschreit und beklagt, dass die Ideen die Welt zerstört hätten, und dass es darauf ankomme, zu töten, bevor man selbst getötet werde, klingt in ihrer Stimme die Verzweiflung einer „lost generation“. Da bekommt der Abend Beckett`sche Qualität.

„Sie können jetzt nach Hause gehen, wir müssen noch weiterspielen“, teilt am Ende Karyatide Sabina dem Publikum mit. Tun wir dann auch. Und da uns in der Vorstellung mitgeteilt worden war, dass eiszeitlichen Eismassen den Kölner Dom schon bis Wittlich (vor den Toren Triers) geschoben hätten, und Trier einst zu den preußischen Rheinlanden gehörte, scheiden wir von einem versöhnlichen Autor Wilder mit der rheinischen Hoffnung „Et hätt noch immer jot jejange“. Ein gelungener Einstand. Herzlicher Applaus.

Weitere Aufführungen: 13., 16., 22., 23., 24., 27., 28. und 30. Oktober, jeweils 19.30 Uhr.

Theater-trier.de

Titelbild: Szene aus „Wir sind noch einmal davongekommen“ © Benjamin Westhoff

Filed Under: Allgemein, Kritik

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