
Bild: Immanuel Kant © gemeinfrei, Wikimedia Commons
Von Reinhard Karger
Der Titel „Kann KI Kant?“ ist provokativ, die Antwort ein gut gelauntes: „Ja, schon, aber nein.“ Das spricht weder für Immanuel Kant noch gegen Künstliche Intelligenz. Dies möchte ich erläutern; andeuten, was Kant konnte, und erörtern, ob wir uns von KI-Anwendungen Ergebnisse mit einer ähnlichen ideengeschichtlichen Wirkmächtigkeit erhoffen dürfen. Ich werde aufzuzeigen versuchen, welche prinzipielle Grenze KI als maschinelle Intelligenz nicht wird überschreiten dürfen. Das ist notwendig, denn unsere Gegenwart entwirft von KI ein Vexierbild, das changiert zwischen euphorischer Hysterie und humanen Endzeit- oder Abstiegsdepressionen. Das bewirkt Innovationsverweigerung, existentielle Melancholie, unrealistische Hoffnungen und in Summe leider verpasste Chancen.
Kants Philosophie wird als zweite kopernikanische Wende und als Revolution der Denkungsart bezeichnet. Kants erste Frage ist, was können wir – Menschen – wissen? Die „zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis“, so Kant, sind Sinnlichkeit und Verstand. Erkenntnisfähigkeit hängt von der sinnlich-rezeptiven Anschauung und den spontanen Leistungen des Verstandes ab, der versucht, Zusammengehöriges in der Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungseindrücke zu erfassen. Der Verstand ist das Vermögen der Kausalität, dass Menschen (und Tiere) nicht empirisch lernen, sondern über das Gehirn ohne jede Erfahrung verfügen, um Gefahren und Nahrung zu unterscheiden, Freunde und Feinde zu erkennen und sich in der Umwelt zurechtzufinden. Auch Tiere haben instinktive Kausalreaktivität, aber Tiere haben keine grammatikalische Sprache und deshalb keine Vernunft.
Für Menschen ist Kausalität nicht lediglich verhaltensorientierend, sondern Reflexionsantrieb. Können wir eine Ursache nicht benennen, sind Menschen von der bohrenden Frage nach dem Warum leidenschaftlich getrieben. Wissend, dass nichts geschieht ohne einen Grund, kann es in der entzauberten Moderne keine Wunder geben. Für Schopenhauer ist das Warum die “Mutter der Wissenschaft”. Finden wir keine Antwort, waren wir einfach noch nicht fleißig genug – oder wir resignieren und wenden uns ab. Aber was ist Kants Revolution der Denkungsart? Nach Kant erkennen wir die Welt nicht so, wie sie an sich ist, sondern so, wie sie uns subjektiv erscheint. Kants Entdeckung ist das aktiv leistende Subjekt der Erkenntnis.
Kann KI Kant? Ist KI irgendwann die hellste Kerze auf der Torte? Vielleicht erleben wir, dass KI zu kognitiven Durchbrüchen fähig sein wird. Können wir von maschineller Intelligenz eine Revolution der Denkungsart erwarten? Bei KI geht es um die Digitalisierung menschlicher Wissensfähigkeiten. Ziel ist eine maschinelle Intelligenz, die kognitive Leistungen des Menschen erreichen oder übertreffen kann. Bei einzelnen Wissensfähigkeiten ist das heute schon der Fall (z.B. Hautkrebserkennung, Qualitätssicherung, maschinelle Textübersetzung). Aber der Mensch ist nicht primär kognitiv herausragend, sondern er ist ein leibliches, sprachlich vergesellschaftetes Empfindungswesen, das nach Glück strebt, einen Willen hat und sich auch willentlich gegen eine Handlung entscheiden kann, die eigenen Lustgewinn verspricht.
“Was soll ich tun?” Das ist Kants zweite Frage. Das Sollen und das Wollen reiben sich, erzwingen eine Wahl zwischen Alternativen. Für eine Wahl braucht man ein leitendes Kriterium. Kants Angebot ist das „Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft“: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Der kategorische Imperativ ist als Verallgemeinerungsprinzip ein Prüfwerkzeug, das nicht aus der Erfahrung erworben, sondern a priori gegeben ist. Für die Entscheidungssituation passender ist Schopenhauers oberster Moralgrundsatz: „Verletze niemanden, vielmehr hilf allen, soweit du kannst.“ Für Schopenhauer gehört Mitleid, „welches das fremde Wohl will“, zu den „drei Grund-Triebfedern der menschlichen Handlungen“ (neben Egoismus und Bosheit).
Wer „das fremde Wohl will“, muss ein eigenes Wohl oder Weh empfunden haben, um die Intensität des fremden „Wohl oder Weh“ einschätzen zu können. Ein Mitleiden setzt einen Agenten, ein sich hineinversetzendes Miterleben voraus und die Absicht, eine Aktion auszuführen und planvoll oder improvisiert ein selbstgesetztes Ziel erreichen zu wollen.
Der Unterschied zwischen menschlicher Sinnlichkeit und technischer Sensorik, zwischen tatsächlicher Empfindung und technischer Simulation, zwischen „in-echt“ und „als-ob“ ist kategorisch. Ohne leibliche Empfindung weder selbsterlebtes Glück noch Leid. Ohne Leidensfähigkeit und wechselseitige Perspektivenübernahme kein Mitleiden, keine moralische Urteilsfähigkeit. Der Maschine ist der Weg versperrt, sich in die Rolle des oder der Anderen, in die Position des Gegenübers zu versetzen, hypothetisch die Perspektive des erlebenden anderen Wesens einnehmen und nicht nur simulieren zu können. Durchaus kognitive Urteilsfähigkeit im Sinne der Legalität, also der Frage nach einem möglichen Konflikt mit dem positiven Recht. Aber keine moralische „Agency“.
Maschinen erleben kein Wohlgefühl bei der Erreichung eines vorgegebenen Ziels, auch keinen „natürlichen Widerwillen“ bei dem Leiden eines Lebewesens. Wer Leid nicht empfinden kann, ist nicht mitleidfähig. Werden Maschinen auch in Zukunft keine Empfindungsfähigkeit aufweisen können? Innovationen zur synthetischen, neuro-technischen Erzeugung von psychischem Erleben aus physischen, aber anorganischen Werkstoffen und grundlegende Erkenntnisse zur psychophysischen Reduktion sind nicht deshalb ausgeschlossen, nur weil wir sie heute nicht haben. Würde KI eine Bauanleitung liefern, die sie selbst zu empfindungsfähiger, maschineller, emotionaler und sozialer Intelligenz transformiert, wäre das allerdings eine weitere entzaubernde Wende im Werden der Menschheit. Und KI würde eine Kant würdige Revolution der Denkungsart liefern. Wir würden dann über Maschinenwürde sprechen müssen – auch wenn wir das möglicherweise nicht wollten. Hat ein Smartphone ein Recht auf Strom? Oder auf Freizeit? Oder hat es Wünsche? Und müssten wir diese Wünsche dann ernst nehmen? Das ist heute alles noch Fiktion.
Wenn wir KI als eine Chance betrachten, stellt sich die Frage nach der gemeinwohl- und erkenntnisförderlichen Anwendungsvision. Oder abgewandelt Kants dritte Frage: Was dürfen wir uns von KI erhoffen? Eine zukünftige maschinelle Intelligenz könnte bei einer Erklärungssuche ko-kognitiv assistieren, auf beliebige Warum-Fragen sachlich, fachlich kompetent und sprachlich, situativ angemessen reagieren. Im Ergebnis käme es zu einer „Wissenslastumkehrung“. Und zu einer Verstehensbeschleunigung. Mehr intellektuelles Drehmoment, mehr verstehen in weniger Zeit, mehr Erkenntnis und weniger Rätsel. Zwar empfindungsunfähig, ohne Perspektivenübernahme, nicht als Teilnehmender und an der Welt Teilhabender. KI als Erklärwerkzeug ist wünschenswert, weil wir in unserem Wissen ertrinken. Und wir hätten als weitere Antwort auf die Eingangsfrage, dass wir mit einiger Gewissheit hoffen dürfen, dass KI Kant wird erläutern können.
Die wissenskompetente Mensch-Maschine-Interaktion könnte auf der Seite der Maschine einen herrschaftsfreien Diskurs über die Welt und das Wissen eröffnen. Könnte so jeden Menschen in die Lage versetzen, das über Jahrhunderte erarbeitete Menschheitswissen für sein Erkenntnisinteresse und sein Projekt zu nutzen. Von einer solchen begrifflich-symbolischen Wissensverarbeitung, die verlässlich Ursachen benennen und Gründe erläutern kann, sind wir noch weit entfernt. Heute ist die KI-Ausgabe ein datengetriebenes, subsymbolisches und wahrscheinlichkeitsbasiertes Ergebnis. Aber wahrscheinliche Korrektheit ist keine Grundlage für eine Entscheidung, für deren weltliche Folgen der handelnde Mensch soziale Verantwortung oder finanzielle Haftung übernimmt.
Werden wir ins Zeitalter der technischen Produzierbarkeit des Gedankens einwandern, ohne uns gesellschaftlich dafür entschieden zu haben? KI könnte als Erkenntnisbeschleuniger einen kognitiven Mensch-Maschine-Diskurs als Ko-Kreationsprozess eröffnen. Wenn im Ergebnis jeder schneller schlau wäre, würden KI-Innovationen einen prosozialen Beitrag leisten können, um einen (multi-)kulturellen, ökologischen Frieden zu schaffen und hoffentlich soziale Gerechtigkeit zu globalisieren.
*Essayistische Keynote von Reinhard Karger, Hombuch 2024, Galerie Julia Johannsen, Homburg, 7.9.2024 (gekürzte Fassung, 15.1.2025)