
von Eva-Maria Reuther
Erst einmal wäre zu klären, was Bildung bedeutet. Natürlich viel mehr als die Vermittlung von Wissen und Techniken. Bildung ist ein Emanzipationsprozess, der darauf zielt, den Menschen in die Lage zu versetzen, selbständig zu werten und zu wollen, das eigene Leben zu gestalten, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und mitzuwirken.
Bildung hat Mündigkeit zum Ziel. Das schließt auch die Fähigkeit ein, sich gesellschaftlichen Zumutungen zu widersetzen, ebenso wie denen der eigenen Person. Stets nimmt Bildung den Menschen ganzheitlich in den Blick, in seinem Sosein aus Geist und Sinnen, wie in seiner dualen Existenz als Individuum und gesellschaftliches Wesen. „Durch Bildung wird der Mensch zur Person“, wie es der Philosoph Johann Friedrich Herbart formuliert.
„Non scholae, sed vitae discimus“, hatten uns einst unsere Lehrer ermahnt, mit mäßiger Wirkung. Wir wussten ja noch nichts von jenem Leben, in dem man, wie Seneca weise feststellt, lebenslang Lernender bleibt. Denn Bildung ist ein lebenslanger Prozess, der sich im Übrigen nicht auf offizielle Lehrstätten und Lehrveranstaltungen beschränkt. Einer dieser Bildungsorte, die ohne didaktischen Auftrag Bildung und Lernen ermöglichen, ist das Theater. Als Ort der Kunst ist es ein Ort der Freiheit. Das Theater ist, wie Aristoteles sagt, ein Ort des „affektiven Lernens“, an dem Inhalte ästhetisiert, in Augenschein genommen werden und dabei gleichermaßen Geist und Sinne aktivieren. Mehr noch: Dichtung, auch die der Dramenliteratur, sei „ernsthafter und philosophischer“ als die Geschichtsschreibung, stellt der antike Philosoph in seiner Poetik fest, da sie sich nicht auf Aktualitäten beschränke, sondern Allgemeingültigkeit besitze.
Eben solcher Allgemeingültigkeit ist zu verdanken, dass für uns noch nach Jahrtausenden und Jahrhunderten Dramen von Aischylos, Sophokles, Euripides, von Shakespeare, Schiller und Goethe aktuell und ertragreich bleiben. Dass sie zeitgenössisch überschrieben und gedeutet werden können, uns Denk- und Diskursstoff liefern und wir uns selbst in ihnen wiedererkennen, wenn wir ins Theater gehen. In ihnen stellen sich uns die sich wiederholenden Muster geschichtlicher Abläufe dar und die großen Menschheitsfragen als die ewig gleichen, auch wenn sich Zeitgewänder, Zeitgeist und Verhältnisse geändert haben.
Die Sprache der dramatischen Kunst ist wie die aller Kunst eine Sprache der Zeichen und Symbole. Ihre Erzählungen mögen noch so naturalistisch daherkommen, sie bleiben stets Symbol und Gleichnis. Das nimmt sie aus der Zeit und ihren tagesaktuellen Verhältnissen und macht sie zeitlos. Im Theater werden so Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verhandelt und fließen ineinander. Seit jeher ist das Theater ein politischer Ort, soll heißen ein Ort an dem die Sache der Polis, der menschlichen Gemeinschaft eben und ihrer Weltverhältnisse, dargestellt wird. Ob das nun Aischylos’ „Orestie“ mit ihrem Ausgang in eine weltlich öffentliche Gerichtsbarkeit ist oder Shakespeares Königsdramen und Schillers sozialkritische „Räuber“. Und wenn Lady Macbeth beklagt, dass ihrem Mann zum Ehrgeiz die Bosheit fehle, ist das eine zeitlose Einsicht in die Logik der Macht.
Schaut man sich die Geschichte des Theaters an, so ist man erstaunt, wie wenig sich darin seit der Antike bis heute geändert hat. Wenn wir dieser Tage von der Notwendigkeit der Öffnung des Theaters und der Bürgernähe sprechen, wenn jeder Bewerber auf eine Intendanz pflichtschuldigst erklärt, dass er Theater für alle mache, so ist das, weiß Gott, nichts Neues. Mit seinen oft weit über tausend Plätzen, seinen im Halbrund angeordneten, aufsteigenden Reihen, auf denen jeder Zuschauer gleich gut hörte, war das antike Theater ein Musterbeispiel an Bürgernähe und Gleichberechtigung. Der Eintritt war frei. Mancherorts soll sogar – so wird berichtet – den Zuschauern ein so genanntes Spielgeld gezahlt worden sein, als Entschädigung für ihren Verdienstausfall während des Theaterbesuchs. Das zumindest hat sich erledigt, da heutzutage Theater abends und am Wochenende stattfindet. Eine Win-Win-Situation ermöglichen heute die kostenlosen Restkarten für Studierende an den schwach ausgelasteten Wochentagen Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, die so genannten DIMIDO-Karten. Die Studierenden profitieren vom Bildungsangebot und die Auslastungsstatistik vom erhöhten Besuch.
Vom Theater lernen heißt etwas über den Menschen lernen. Die Keimzelle des Dramas ist der Konflikt, der in der Tragödie schlecht, in der Komödie gut ausgeht. Kein Mensch ist ganz gut oder ganz schlecht, wusste schon Aristoteles. Aus eben dieser menschlichen wesensmäßigen Widersprüchlichkeit, aus ihrer Dialektik, entwickelt sich das komplexe dramatische Geschehen bis hin zur aristotelischen Katharsis, der läuternden Erkenntnis. So wie im Konflikt zwischen Kreon und Antigone, die in Sophokles gleichnamiger Tragödie im Namen der Menschlichkeit und dabei selbstherrlich fundamentalistisch ihren Bruder, den Staatsfeind Polyneikes, begraben will, was ihr Kreon mit Berufung auf das Gesetz verweigert. Beide sind in ihrer Selbstherrlichkeit und ihrem fundamentalistischen Starrsinn im Recht wie im Unrecht.
Im Angebot differenzierter Reflektion und Bewusstseinsbildung mittels der Kunst liegt das entscheidende Bildungspotenzial des Theaters, für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche. Es kommt nicht darauf an, wieviele Klassiker und andere Bühnenstücke man gesehen hat, sondern was man daraus als Welt- und Selbstbetrachtung mit nach Hause nimmt. Das wusste schon der berühmteste deutsche Dramaturg Gotthold Ephraim Lessing, der der Ansicht war, dass eine Theatervorstellung ihr Ziel verfehlt habe, aus der man als derselbe hinausgehe, als der man gekommen war.
Als Ort der differenzierten Reflektion ist das Theater in diesen Tagen wichtiger denn je. Es leistet den notwendigen Widerstand in Zeiten, in denen Massenmedien nach dem Motto „Medienhaus geh du voraus“ meinungsbildend der Massengesellschaft die Einheitspfade durchs Dickicht einer komplexen vielfarbigen Wirklichkeit schlagen, Talkshows den gesellschaftlichen Diskurs ersetzen und ein nicht geringer Teil der Bevölkerung inzwischen hofft, dass ihm die Künstliche Intelligenz endlich das eigenständige Denken abnimmt oder wenigstens die Argumente vorsortiert. Wo Immanuel Kant als Apologet der Aufklärung noch zum Mut aufforderte, den eigenen Verstand zu gebrauchen, scheint sich ein Vierteljahrhundert später die moderne Massengesellschaft auf dem freiwilligen Rückzug aus der Mündigkeit zu befinden. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Genau dem entgegenzuwirken hat das Theater Potenzial, zumal unser modernes öffentliches Theater, das aus dem Geist der Aufklärung und aus der bürgerlichen Emanzipation entstanden ist.
Wer im Theater Face to Face mit den Spielern sitzt, muss selbst denken und fühlen und sich in Abstraktion und Transfer üben, kann werten und hinterfragen. Dazu trägt wie gesagt nicht zuletzt die Zeichensprache der Kunst bei, die vom Text über die Rollenperson des Schauspielers bis zum Bühnen- und Kostümbild reicht. Wenn oben König Lear durch die Heide irrt, ist das keine realistische Erzählung von einem blinden König, der sich verirrt hat, sondern ein Gleichnis darüber, was Menschen für die Wahrheit blind macht und ihren Untergang bewirkt. Und wenn die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir in stumpfsinniger Passivität in Samuel Becketts gleichnamigem Drama auf Godot warten, ist das etwas anderes als unser alltägliches Warten auf einen Unbekannten, der sich verspätet. Es ist eine Parabel über die Verweigerung selbständigen Denkens und die Übernahme von Verantwortung.
All dieses theatrale Lernen geschieht in Freiheit. In jener Freiheit für die Kunst und ihr Publikum, in der sich die universelle Freiheit des Menschen darstellt, seine Welt nach eigener Vorstellung zu gestalten. Solche Freiheit allen Bürgern zu ermöglichen und an ihr teilhaben zu lassen, ist der Auftrag des Bildungsortes Theater in einer Demokratie. Eben deshalb wird das öffentliche Theater subventioniert. Ob es diesem Auftrag noch gerecht wird, ob es unabhängige Freiräume zur kritischen Reflektion und Hinterfragung schafft, wird es sich in diesen Tagen fragen lassen müssen. Oder ob es nur dem Zeitgeist frönt und sich an Tagesaktualitäten entlanghangelt und affirmativ den aktuellen Diskurs mit seinen Kampfbegriffen bedient. Es muss sich fragen lassen, ob es nicht längst dem Mainstream und, wie andere, der Bestseller-Logik folgt, bei der Akzeptanz und damit Gewinnoptimierung vor Inhalt geht. Vielerorts sieht es so aus.
Titelbild: Bildung durch Theaterspiel © Image by Monika Robak from Pixabay



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