
Foto: Pavel Miguels „Alles, was ich wissen sollte“ © Pavel Miguel
Mit dem monumentalen Werk „Alles, was ich wissen sollte“ formuliert Pavel Miguel eine eindringliche, poetisch wie politisch aufgeladene künstlerische Position zu einem der zentralen Umbrüche unserer Gegenwart: dem Übergang von der gedruckten Wissenskultur zur digitalen Wissensproduktion – und weiter zur künstlichen Intelligenz. Die Skulptur erscheint als Floß aus groben, unbearbeiteten Holzbalken. Sie wirkt archaisch, reduziert, fast elementar – wie ein Relikt früher Überlebensstrategien. Doch dieses Floß ist kein Transportmittel im klassischen Sinn. Es ist ein Denkraum. Ein Zustand. Eine Haltung. Es verweigert Geschwindigkeit und Effizienz und stellt stattdessen die Frage nach Orientierung, Verantwortung und Halt in einer Zeit permanenter Beschleunigung. Wenn alles gespeichert, vernetzt und algorithmisch reproduzierbar ist – was trägt uns dann noch? Miguel antwortet nicht mit Nostalgie, sondern mit einer bewussten Gegenbewegung: dem Buch als physischem, schwerem, verletzlichem Träger von Wissen. Die Bücher als Fundament Im Zentrum der Arbeit stehen Bücher – nicht aus Papier, sondern aus massivem Holz. Sie sind aus deutscher Eiche gefertigt, nicht lesbar, nicht aufschlagbar, nicht konsumierbar. Ihre Funktion ist eine andere: Sie tragen. Sie stabilisieren das Floß. Sie bilden sein Fundament. In einer Zeit, in der Wissen zunehmend entmaterialisiert, digitalisiert und von KI-Systemen verarbeitet wird, insistiert Miguel auf Bildung, Sprache und Erinnerung als körperliche, fragile und zugleich verantwortungsvolle Grundlagen menschlichen Denkens. Wissen erscheint hier nicht als Datensatz, sondern als Last, die getragen werden muss – individuell wie gesellschaftlich.
Der Eiche, aus der die Bücher gefertigt wurden, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sie stand über Jahrzehnte gewachsen, verwurzelt, Teil eines gewachsenen Ortes. Im Zuge einer Klinikerweiterung musste der Baum gefällt werden. Ein endgültiger Akt – scheinbar. Der Holzfäller jedoch erkannte den Wert dieses Baumes über seine reine Funktion hinaus. In Kenntnis von Pavel Miguels Affinität zu außergewöhnlichen künstlerischen Arbeiten mit Holz entschied er sich, die Eiche nicht dem bloßen Verbrauch zu überlassen, sondern sie der Kunst zu überantworten. So wurde der Baum umgewidmet: von einem lebendigen Träger von Zeit und Erinnerung zu einem künstlerischen Material, das diese Zeit weiterträgt. Die Eiche lebt fort – transformiert in Bücher, in Skulptur, in Bedeutung. Aus Verlust wird Verantwortung. Aus Ende wird ein neuer Anfang. Sprache, Segel, Übergang
Das vom Wetter gezeichnete Leinensegel trägt drei Sätze in drei Sprachen: 1 „TODO LO QUE TENÍA QUE SABER“ „ALLES, WAS ICH WISSEN SOLLTE“ „ALL THAT I NEED TO KNOW“ Die Sätze lesen sich wie ein innerer Monolog zwischen Überforderung und Klarheit, zwischen Anspruch und Reduktion. Sie markieren den Moment, in dem ein bestehendes Wissenssystem an seine Grenzen stößt – und die Suche nach einem neuen beginnt. Das Floß wird so zum Sinnbild eines Übergangs: zwischen analoger und digitaler Welt, zwischen menschlicher Erfahrung und maschineller Intelligenz, zwischen Bewahren und Neubeginn. Eine stille Anklage. Ein poetischer Widerstand. Ein bewusster Neubeginn. Kontext & Präsentation
Material Floß & Ruder: Akazienholz Material Segel: Leinen Material Bücher: Deutsche Eiche Maße: ca. 400 × 300 × 300 cm
Nach seiner Rückkehr von der Biennale in Montreux wird das Werk direkt auf der art Karlsruhe 2026 präsentiert. Es markiert zugleich die erste Teilnahme von Pavel Miguel an der Messe. Zu sehen ist das archaische Floß im Sculpture:Garden. Der Künstler wird vertreten durch die Galerie Art Affair Halle 1 | H1 | C18 & C29 One Artist Show: Halle 2 | H2 | H14 und Sculpture:Garden. Weitere Informationen: www.art-affair.net und www.pavelmiguel.de



Schreibe einen Kommentar