
Von Niklas Lentes aus OPUS 118
Ein treibender Beat, tiefe Bässe und moderne Pop-Harmonien – doch Gitarren, Schlagzeug und Synthesizer sucht man auf der Bühne vergeblich. Die Heidelberger Formation NOICE zeigt, wie facettenreich und energiegeladen Vokalmusik klingen kann, wenn sie sich von vertrauten Genreklischees löst. Wer hierzulande ohne Instrumente auftritt, wird schnell mit Barbershop-Ästhetik, kumpelhafter Comedy oder klamaukiger Unterhaltung verbunden. NOICE setzt dem das Selbstverständnis einer „Vocal Band“ entgegen: Mit vokalen Klangflächen, Beatbox- Elementen und gezieltem Technikeinsatz erzeugt das Ensemble einen Sound, der den Raum wie eine vollständige Pop-Band füllt.
Die Geschichte von NOICE beginnt an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Dort lernten sich Marie, Anika, Saskia und Finn im Studierendenchor kennen. Der Wunsch, in kleiner Besetzung intensiver an Klang, Ausdruck und Arrangements zu arbeiten, führte vor drei Jahren zur Gründung eines festen Bandprojekts. Mit Max, der vor einem Jahr als Bass hinzukam, fand das Ensemble seine heutige Besetzung.
NOICE lebt von fünf unterschiedlichen musikalischen Profilen, die im gemeinsamen Sound ineinandergreifen: Finn, Musik- und Bildungswissenschaftler, legt das harmonische Fundament der vielschichtigen Arrangements und wechselt zwischen klassischen Melodielinien und imitierten Bläsersounds. Marie bringt theatralische Ausdruckskraft und impulsive Spielfreude ein – im Musikvideo zu „Think About Things“ sang sie kurzerhand im Handstand. Saskias jahrelange Tanzerfahrung prägt die visuelle Ästhetik und Choreografie der Band; zugleich gibt ihre sanfte Stimme dem Gesamtklang Wärme. Anika setzt mit einer kraftvollen Stimme und strahlenden Obertönen markante Höhenakzente. Max verankert schließlich das Ensemble mit einem tiefen, tragenden Bass und stärkt als erfahrener Chorvorstand zugleich dessen organisatorische Arbeit.
Für NOICE ist ein Arrangement keine starre Notation, sondern der Ausgangspunkt eines gemeinsamen Entwicklungsprozesses. Erst in der Probe zeigt sich, in welchem Register und mit welcher Klangfarbe jede Stimme ihre größte Wirkung entfaltet, ihren „Sahnebereich“. Der Bandsound entsteht dabei in präziser Detailarbeit: Zungenposition, Mundraum und Atemkontrolle werden so aufeinander abgestimmt, dass eine Passage nicht nur sauber intoniert ist, sondern auch emotionale Tiefe gewinnt.
Mit dieser Ästhetik positioniert sich NOICE bewusst außerhalb vertrauter Vokaltraditionen. Während Formationen in der Nachfolge der Comedian Harmonists oder der Wise Guys häufig humorvolle Bühnenformen pflegen und Ensembles wie die King’s Singers stärker aus der klassischen Vokalmusik kommen, versteht sich die Heidelberger Gruppe als zeitgenössischer Pop-Klangkörper. Ihr Repertoire reicht von intimen, leisen Passagen über energiereiche Pop- Hooks bis zu erzählerischen Klangwelten mit Film- und Musical-Einflüssen; Schlager gehört bewusst nicht dazu. So verbindet NOICE musikwissenschaftliche Präzision mit populärkultureller Energie – und zeigt, dass fünf Stimmen genügen, um die Wucht, Vielfalt und Dramaturgie einer ganzen Pop-Band entstehen zu lassen.
Tipp: Auftritt von NOICE am 16.1.27, 20 Uhr, Neues Theater Höchst, Frankfurt
Foto
Die Vokalgruppe NOICE © Nico Stolz



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