
Von Eva-Maria Reuther im OPUS Kulturmagazin März/April 2026 Schwerpunkt „Gesundheit“
„Langsamen Schrittes mit würd’gem Gebahren sie gehen auf der geheiligten Strasse der Kurpromenade. Und in den Händen, den sauberen, sie halten das Trinkglas das – aus Kristall“, bedichtete Bert (damals noch Eugen Berthold) Brecht die alltägliche Prozession der Kurgäste. Der 15-Jährige war 1913 mit seiner Mutter ins fränkische Bad Steben bei Hof gereist, um sein Herzleiden mit Hilfe des dortigen „Stahlwassers“ zu kurieren.
Schon früh wurde die Heilkraft von Thermal- und mineralischen Quellen erkannt. Weltberühmt sind die Thermen der römischen Antike, auf deren Tradition sich Bäder wie Baden-Baden oder das englische Bath berufen können. Auch Karl der Große verschaffte seinen von Gicht geplagten Gliedern gern Linderung in den heißen Quellen seiner Aachener Residenz. Der Herrscher, der sich als Nachfahre der römischen Kaiser verstand, hielt es auch da mit der antiken Tradition. Und selbst das hygienisch ansonsten wenig ambitionierte Mittelalter entdeckte das Wasser als Jungbrunnen. In riesigen Bottichen vergnügen sich auf zahllosen Darstellungen gemeinsam Männer und Frauen und steigen verjüngt aus dem erfrischenden Nass.
Bis zum systematischen therapeutischen Einsatz von Wasser und Luft in Kurorten und Heilbädern dauerte es aber noch bis zum Vorabend der modernen Wissenschaft. Bereits 1581 hatte der Heidelberger Arzt Jakob Dietrich, genannt Tabernaemontanus, seine Schrift „Neuw Wasserschatz“ zur Qualität mineralischer Quellen veröffentlicht. Nicht nur das Wasser, auch die Luft war der Gesundheit förderlich, erkannten englische Mediziner und empfahlen 150 Jahre später Seeluft, Salzwasser und das Schwimmen im Meer.
Was sich uns heute als Kurorte, Heil- und Seebäder darstellt, stammt aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Zu den ältesten europäischen Gründungen gehören Bath und das belgische Spa, dessen Name zum Synonym zeitgenössischer Wellnessoasen wurde. Die neue Bäderkultur entwickelte nicht nur ihre medizinisch therapeutischen Programme, sondern auch eine typische, funktionale Architektur sowie die touristische Infrastruktur im Stil der Zeit. Neben Sanatorien entstanden prachtvolle Kurhäuser und Wandelhallen für die mit ihren Wassergläsern promenierenden Kurgäste, prächtige Kurparks und luxuriöse Hotels.
Ihre Hoch-Zeit erlebten die europäischen Bäder im 19. Jahrhundert. Wer auf sich hielt, reiste ins Bad. Kurorte wie Bad Kissingen, Baden-Baden und Bad Ems wurden zu mondänen Treffpunkten gekrönter Häupter und der europäischen Aristokratie sowie des vermögenden aufstrebenden Bürgertums. Kaiserin Elisabeth von Österreich kam regelmäßig nach Bad Kissingen zur Kur ebenso wie Zar Nikolaus II. Ihr Mann Kaiser Josef I. kurte derweil mit seiner Geliebten Katharina Schratt in Bad Ischl. Kaiser Wilhelm I. bevorzugte Bad Ems. Clara Schumann zog es nach Baden-Baden.
Man logierte in den neuen prachtvollen Grandhotels oder ebenso prächtigen Villen, traf sich allabendlich an den Spieltischen der Casinos und bei exklusiven Soireen. Auf den Promenadenwegen der Kurparks und bei den Konzerten der Kurkapellen führten die Damen die neueste Mode spazieren. Und man knüpfte jene temporären Allianzen, von denen die weit vulgärere Gegenwart als „Kurschatten“ spricht. Weniger Betuchte und die B-Prominenz begnügten sich mit einfacheren Hotels und Pensionen oder schlichteren Kurorten.
Manchmal wurde ein Kurort zum politischen Schauplatz, so wie Bad Ems, von wo Heinrich Abken die berühmte Emser Depesche an seinen Chef Bismarck verschickte. Zum Fluchtort vor ihrem notorisch untreuen wie eiskalten Ehemann König Leopold II. wurde das belgische Spa für die unglückliche Königin Maria Henriette. Nicht jedem machte die Kur Freude. „Man badet jeden 2. Tag und legt sich dann, ohne zu lesen, zwei Stunden ins Bett. Man isst und langweilt sich“, klagt Teenager Brecht im oben erwähnten Tagebuch.
Kein gutes Haar an Bad Ems hatte Jahrzehnte zuvor Kurgast Dostojewski gelassen. Die Kaufleute seien stockdumm, die Geschäfte erbärmlich und die Aussprache der Deutschen schrecklich, schrieb er 1874 an seine Frau. Auch Wiesbaden frustrierte ihn, wo er 1868 sein gesamtes Vermögen verspielt hatte. Eine Katastrophe, die er in seinem berühmten Roman „Der Spieler“ aufarbeitete.
Dem Erlebnis des Kuraufenthalts verdankt sich so manches Werk der Weltliteratur. Das berühmteste literarische Sanatorium ist der „Berghof“ nahe Davos aus Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“, wo der junge Hans Castorp seinen ganz eigenen „Krankheitsverlauf“ durchlebt. Immer wieder wird die Kur zum ambivalenten Ereignis aus Erholung und bedrückender Isolation. Ob es sich nun um die Langeweile des jungen Brecht handelt oder jenen „Käfig“, als den der an Tuberkulose erkrankte Franz Kafka seinen Kuraufenthalt in Meran beschreibt. Für den lebenslang an Asthma leidenden Marcel Proust bedeutete die Weltabgeschiedenheit seines Hotelzimmers im Grandhotel des Seebads Cabourg, wo er alljährlich kurte, notwendige Weltflucht. Ein inspirierender Ort der Ruhe, an dem er frei von sozialen Zwängen nicht „er selbst“ sein musste und in die Erinnerung abtauchen konnte. Im fiktiven Badeort Balbic hat er ihn in seinem Jahrhundertroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verewigt.
Heute hat der Kurbetrieb seinen illustren Glanz weithin verloren. Moderne Reha-Programme regeln streng den Tag. Die nüchternen Bauten der Rehakliniken der Versicherungen berichten von den Bedürfnissen einer modernen berufstätigen Zivilgesellschaft und ihrer medizinischen Versorgung. Moderne Wellness-Angebote reagieren auf die veränderten Ansprüche an Erholung und Entspannung. Was bleibt ist der Mythos und seine historischen architektonischen Zeugnisse einer Bäderkultur, die im Fall von Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen inzwischen ins UNESCO-Welterbe der „Great Spa Towns of Europe“ eingegangen sind.
Bild: Wo schon die Römer badeten: Staatsbad Bad Bertrich, Kurhaus mit Park © Eva-Maria Reuther



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