
Von Burkhard Jellonnek
Was haben die Wormser Nibelungenfestspiele bei ihrem Open Air vor dem geschichtsträchtigen Dom nicht schon alles geboten! Martialische Schlachten, wummernde Bässe und überbordende Wortgefechte aus berufenem Lyriker-Mund. Diesmal alles very british! Autor Oliver Lansley und Regisseur James Seager kamen von der Insel, brachten ihre Londoner Compagnie „Les Enfants Terribles“ und Irish Folk und Soul mit „SilverLung“ mit, live performt von Alice Merton und Alexander Wolfe. Und natürlich die Reduktion der Nibelungen-Saga auf die Geschichte von Kriemhild, Ehefrau des ermordeten Drachentöters Siegfried. Den hat sie inständig geliebt, ehe er an seiner einzig empfindlichen Stelle von Hagen von Trontje ermordet wurde. Die Burgunder-Familie mit König Gunter (Paul Marianne Furtwängler) vermittelt Kriemhild quasi als Friedensgeschenk an den als vermeintlich Wilden verschrienen Hunnenkönig Etzel, ein gefürchteter Schlächter, schlachtengeil und mordlustig. Stückentwickler Oliver Lansley zeigt Kriemhild, grandios verkörpert durch Maria Drãguș, als mit Vorurteilen geimpfte Migrantin, heimatlos bei den Hunnen, aber doch wach in der Wahrnehmung, dass nicht alle so war, wie ihr die Burgunder erzählt haben. Und natürlich traumatisiert durch den Verlust ihres geliebten Helden Siegfried. Der erscheint deus ex machina als gleichsam goldener Ritter (klug sich zurücknehmend Winzenz Wagner) in ihren Projektionen, ein immer sprachloser werdender Ratgeber und Beobachter.
Mit viel Sprachwitz und Situationskomik illustriert der Regisseur Kriemhilds Offenheit gegenüber den nur englisch sprechenden Hunnen mit dem ihm als Königin avisierten Hunnenführer Etzel. Nach anfänglichen Missverständnissen nimmt sie ihrem Ehemann nach der Schlacht die Schmerzen und erkennt, dass hinter der vermeintlich rauen Schale ein Mensch steckt. Sie schenkt ihm den gewünschten Sohn und Thronfolger, aber sie will nicht, dass er mit dem Bogenschießen an die Kriegskunst herangeführt wird. Als sie Etzel (beeindruckend: Aram Tafreshian) zu einem Aussteiger-Leben vergeblich überreden möchte, erkennt Kriemhild ihre Fehleinschätzung. Sie zieht bitterste Konsequenzen, enthauptet ihren Sohn Ortlieb und lässt den Herrschersitz brandschatzen. Trotz dieses Weltenbrands am dunklen Ende bezieht die Inszenierung ihre Kraft aus der Ruhe, zeigt den Leidensweg Kriemhilds zwischen Krieg und Frieden und besticht durch eindrucksvolle Bilder, sei es durch martialische Tieropfer, angedeutet als Puppenspiel, oder eine sich an Folk orientierende, einfühlsame Bühnenmusik. Hin und wieder liefert die Choreographie (Christopher Evans) eine Prise zu viel an Kitsch und Hollywood, aber das kann den famosen Erfolg dieses Abends nicht schmälern.
„Die Hunnenkönigin“, noch bis 02. August 2026; spielfrei 19.07.2026, ansonsten tägliche Abendvorstellungen
Titelbild: „Die Hunnenkönigin“ mit Maria Drăguș und Aram Tafreshian © David Baltzer, Nibelungenfestspiele Worms



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